Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur katalytischen, enantioselektiven Reduktion
von Ketonen zu chiralen Alkoholen.
Chirale Alkohole sind beispielsweise wichtige Intermediate in der pharma
zeutischen Industrie. Es besteht daher ein großes Interesse an Verfahren, die diese
Verbindungen in hoher optischer Reinheit zur Verfügung stellen. Dabei sind
insbesondere katalytische Verfahren vorteilhaft, da mit einer geringen Menge des in
der Regel kostspieligen chiralen Auxiliars ein Vielfaches an chiralem Produkt
produziert werden kann.
Ein Verfahren dieser Art ist beispielsweise die Oxazaborolidin-katalysierte
Reduktion von Ketonen zu chiralen Alkoholen mit Boranen, wie z. B. Boran-
Dimethylsulfid-Komplex oder Boran-Tetrahydrofuran-Komplex (vgl. z. B.
Wallbaum, S. und Martens, J., in: Tetrahedron Asymmetrie 3, 1992, 1475-1508).
Die Reaktion ist in Fig. 1 wiedergegeben. Diese Methode liefert die chiralen
Alkohole in guten bis sehr guten Ausbeuten und Enantiomerenüberschüssen (=
enantiomeric excess = ee). Auf diese Weise konnte eine Reihe pharmazeutisch
relevanter Verbindungen hergestellt werden.
Üblicherweise wird jedoch zur Erzielung eines optimalen Enantiomeren
überschusses etwa 5 bis 10 mol-% des Katalysators (bezogen auf Keton) benötigt.
Eine Minimierung der Katalysatorkosten kann deshalb einen entscheidenden
Beitrag zur Wirtschaftlichkeit des Verfahrens leisten.
Es wurden daher bereits vielfache Versuche unternommen, die Zyklenzahl (mol
Produkt pro mol verbrauchtem Katalysator) zu erhöhen. So wurden beispielsweise
die als Katalysatoren eingesetzten Oxazaborolidine an unlöslichen Trägern
immobilisiert. Diese heterogenen Oxazaborolidine wurden durch Ankopplung des
verwendeten chiralen Aminoalkohol-Liganden an ein quervernetztes Polystyrolharz
mit Boronsäuregruppen erhalten (Franot et al., in: Tetrahedron Asymmetry 6,
1995, 2755-2766). Der so erhaltene heterogenisierte Katalysator kann nach der
Reaktion abfiltriert und erneut eingesetzt werden. Bereits bei der Durchführung
des driften Reaktionszyklus sinkt der erreichte Enantiomerenüberschuß unter 80%
ab, so daß ein weiterer Einsatz des Katalysators nicht mehr sinnvoll ist. Daher
konnte auf diese Weise die Zyklenzahl nur geringfügig von 10 (entsprechend 10
mol-% Katalysator) auf 20 bis 30 erhöht werden.
Der vorliegenden Erfindung lag daher das technische Problem zugrunde, ein
Verfahren bereitzustellen, das eine effektive Ausnutzung des chiralen Katalysators
ermöglicht.
Dieses Problem wird erfindungsgemäß dadurch gelöst, daß die katalytische,
enantioselektive Reduktion von Ketonen zu chiralen Alkoholen mit einem
molekulargewichtsvergrößerten Katalysator in einem Membranreaktor
durchgeführt wird. Mit diesem erfindungsgemäßen Verfahren gelingt es
überraschenderweise, die Zyklenzahlen um den Faktor 12 auf ≧ 120 zu steigern,
und zwar ohne Verlust der Enantioselektivität des eingesetzten Katalysators.
Zudem liefert dieses Verfahren die chiralen Alkohole in Enantiomerenüberschüssen
von ≧ 90% ee. Die Rückhaltung bzw. Abtrennung des löslichen Katalysators durch
eine Membran, wie beispielsweise eine Ultra- oder Nanofiltrationsmembran, hat
zudem den Vorteil, daß die Reaktion in homogener Lösung ohne Stofftransport
limitierung abläuft.
Als Katalysator wird insbesondere ein chirales Oxazaborolidin eingesetzt. Als
Katalysatoren sind aber auch Übergangsmetallverbindungen, wie z. B. Titanate,
einsetzbar, die dann über die chiralen Liganden, beispielsweise Diol-Liganden,
an die zur Molekulargewichtsvergrößerung verwendete Verbindung angekoppelt
werden können.
Das erfindungsgemäß bevorzugte Oxazaborolidin weist 2 mögliche Stellen für eine
Molekulargewichtsvergrößerung auf: Es kann eine Ankopplung dieser Substanz an
die zur Molekulargewichtsvergrößerung verwendete Verbindung über einen
Aminoalkohol oder eine Boronsäure erfolgen. Erfindungsgemäß ist das
Oxazaborolidin vorzugsweise über den chiralen Alninoalkohol an die zur
Molekulargewichtsvergrößerung verwendete Verbindung angekoppelt.
Als Liganden kommen prinzipiell alle chiralen Aminoalkohole in Frage, die eine
(weitere) funktionelle Gruppe besitzen, die eine Anbindung ermöglicht,
insbesondere aber Tyrosinol- oder Hydroxyprolinderivate. Speziell Diphenyl
tyrosinol und Diphenylhydroxyprolinol (Fig. 2) erzielen sehr gute Ergebnisse.
Zur Molekulargewichtsvergrößerung wird vorzugsweise ein Polymer,
insbesondere ein Polystyrol oder Polysiloxan, eingesetzt; eine Molekulargewichts
vergrößerung der Katalysatoren bzw. ihrer Vorstufen kann aber auch durch die
Ankopplung der entsprechenden Verbindungen beispielsweise an Dendrimere
erreicht werden. Die Abkopplung erfolgt, indem ein Ligand über eine zur Katalyse
nicht benötigte funktionelle Gruppe an ein fertiges Poly- oder Dendrimer gebunden
wird. Alternativ kann der Ligand auch mit einer polymerisierbaren Funktionalität
versehen und mit einem anderen Monomer copolymerisiert werden.
Die an der erfindungsgemäßen katalytischen, enantioselektiven Reduktion von
Ketonen beteiligten Substanzen sollten möglichst in organischen Lösungsmitteln
homogen löslich sein.
Aus den chiralen Aminoalkoholen bildet sich in Gegenwart des (zur Reduktion
verwendeten) Borans ("BH3") unter Abspaltung von zwei Äquivalenten
Wasserstoff der aktive Oxazaborolidinkatalysator. Dieses kann in situ im Reaktor
erfolgen oder vor dem Einspülen des Katalysators in den Reaktor separat erfolgen.
Auch die Reaktion der Aminoalkohol-Liganden mit verschiedenen Boronsäuren
oder Boronsäurederivaten kann zur Darstellung von Oxazaborolidinen
herangezogen werden. Die molekulargewichtsvergrößerten Katalysatoren werden
dann in einem geeigneten Membranreaktor zur kontinuierlich betriebenen enantio
selektiven Reduktion prochiraler Ketone eingesetzt.
Das Fließschema eines solchen Reaktoraufbaus ist in Fig. 3 wiedergegeben. Die
beiden Edukte, das Boran sowie das Keton, werden - gelöst in einem geeigneten
organischen Lösungsmittel, insbesondere Toluol oder Tetrahydrofuran (THF) - aus
unter Schutzgas zum Ausschluß von Sauerstoff und Luftfeuchtigkeit stehenden
Vorratsbehältern jeweils über eine Pumpe in den Membranreaktor gepumpt. Dieser
besteht beispielsweise aus einer Rührzelle, die mit einer lösungsmittelstabilen Ultra-
oder Nanofiltrationsmembran (Flachmembran) ausgerüstet ist. Es ist aber auch eine
Verwendung von Hohlfasermodulen möglich. Am Reaktoraustritt wird die
Reaktionslösung (über ein T-Stück) mit Methanol gequencht, um den entstandenen
chiralen Alkohol in Freiheit zu setzen und evtl. überschüssiges Boran zu
vernichten.
Ein derartiger Reaktor kann über mehrere Tage, d. h. über lange Verweilzeiten,
stabil betrieben werden. Ein beispielhafter Reaktorlauf ist in Fig. 4 dargestellt. Es
werden nach dem erfindungsgemäßen Verfahren sehr hohe Umsätze und
Enantiomerenüberschüsse erreicht. Damit wird eine hohe Raum-Zeit-Ausbeute
erzielt, welche ein wichtiges Kriterium für die Wirtschaftlichkeit eines Verfahrens
ist. Im Vergleich zur Verwendung freier - oder auch heterogenisierter -
Katalysatoren im Satzreaktor entfällt durch die kontinuierliche Betriebsweise auch
ein großer Teil der Rüstzeit. Außerdem wird die in einem vergleichbaren
Satzreaktor anfallende große Menge boranhaltiger Reaktionslösung und das damit
verbundene Gefahrenpotential vermieden.
Die Aufarbeitung der Produktlösung ist gegenüber einer üblichen Produktion im
Satzreaktor ebenfalls deutlich vereinfacht, da der Katalysator nicht mehr
abgetrennt werden muß. Die Entfernung überschüssigen Borans gelingt auf
einfachem Wege: Entweder kann es nach dem Methanol-Quenching als
Borsäuretrimethylester abdestilliert werden, oder es ist nach wäßriger
Aufarbeitung als Borsäure leicht einer alkalischen Extraktion zugänglich. Durch die
hohen Umsätze - d. h. durch eine annähernd quantitative Umwandlung des Ketons
in den Alkohol und Vermeiden des Auftretens von Nebenprodukten - wird auch
eine Aufreinigung des Rohproduktes vereinfacht, wenn nicht sogar überflüssig.
Mit dem erfindungsgemäßen Verfahren kann eine Vielzahl von Ketonen auf wirt
schaftliche Weise in die chiralen Alkohole überführt werden. Durch die
Verwendung der molekulargewichtsvergrößerten, homogenlöslichen
Oxazaborolidine kann die Zyklenzahl dieser Katalysatoren deutlich gesteigert
werden, ohne daß - wie bei anderen Verfahren - eine Einbuße in der Enantio
selektivität hingenommen werden muß. Vielmehr werden überraschenderweise
zum Teil sogar bessere Enantioselektivitäten beobachtet, als mit vergleichbaren
freien Katalysatoren im Satzreaktor.
Nachfolgend wird die Erfindung anhand von Beispielen näher erläutert.
Ausführungsbeispiel
Darstellung von polymervergrößertem α,α-Diphenyltyrosinol
Zu einer Lösung von 860 mmol Phenylmagnesiumbromid, hergestellt aus 22 g
Magnesium und 90 ml Brombenzol, in 900 ml Tetrahydrofuran (THF) werden bei
0°C portionsweise 21 g Tyrosinethylesterhydrochlorid (85 mmol) gegeben und
über Nacht bei Raumtemperatur gerührt. Anschließend wird mit Ammonium
chloridlösung hydrolysiert. Die organische Phase wird abgetrennt und die wäßrige
Phase 4× mit Ethylacetat extrahiert. Die vereinigten organischen Phasen werden
über Natriumsulfat getrocknet und das Lösungsmittel abdestilliert. Zweimaliges
Umkristallisieren aus Ethanol ergibt 17 g (S)-2-Amino-3-(4-hydroxyphenyl)-1,1-
diphenylpropan-1-ol (=α,α-Diphenyltyrosinol, 62% Ausbeute). Dieses wird in
Dimethylformamid mit einem Äquivalent Natriumhydrid versetzt und nach
Abklingen der H2-Entwicklung (ca. 1 Std.) mit einer äquimolaren Menge Vinyl
benzylchlorid umgesetzt. Nachdem 5 Std. bei Raumtemperatur gerührt wurde,
wird die Reaktionslösung auf einen Überschuß Wasser gegossen, der weiße
Niederschlag abfiltriert und das Produkt aus Ethanol umkristallisiert. Man erhält
(S)-2-Amino-3-(4-(vinylphenylmethoxy)phenyl)-1,1-diphenylpropan-1-ol in etwa
45% Ausbeute.
13 g dieses Monomers (29,9 mmol) werden mit 5 Äquivalenten frisch destilliertem
Styrol (150 mmol) unter Verwendung von 275 mg Azobisisobutyronitril als Radi
kalstarter in 220 ml Toluol copolymerisiert. Die Mischung wird 50 Stunden bei
60°C unter Argon gerührt. Dann wird das Polymer in Methanol präzipitiert. Man
erhält 15,1 g Polymer, entsprechend 53% Ausbeute. Die Molmasse beträgt laut
Gelpermeationschromatographie 13 800 (Zahlenmittel).
Durchführung einer kontinuierlichen Reduktion im Membranreaktor
Die Reaktoranordnung für die kontinuierliche enantioselektive Reduktion
entspricht dem Schema in Fig. 3. Als Vorlagegefäße dienen laborübliche Drei
halskolben, die unter Schutzgas gesetzt werden. Für die Leitungen werden Teflon
schläuche verwendet. Als Pumpen kommen Pharmacia P-500 Wechselkolben
pumpen zum Einsatz. Der Membranreaktor besteht aus einer Polypropylen-Flach
membranzelle mit 10 ml Reaktionsvolumen, die von einem Magnetrührer gerührt
wird. Er wird mit einer lösungsmittelstabilen Nanofiltrationsmembran MPF 50 der
Firma Membrane Products ausgerüstet.
Pumpen und Reaktor werden mit absolutiertem (wasserfreiem) THF gespült.
Anschließend wird über eine der Pumpen 0,5 mmol des polymergebundenen
Liganden (entsprechend 50 mol-% Katalysator) - in THF gelöst - in den Membran
reaktor eingespült. Nun wird der Reaktor für 1 bis 2 Stunden mit einer Lösung von
Boran-Dimethylsulfid (BH3-SM2) in THF gespült (200 mmol/L, 10-20 ml/Std.).
Dabei bildet sich aus dem im Membranreaktor zurückgehaltenen Aminoalkohol das
Oxazaborolidin.
Dann wird über die zweite Pumpe eine Lösung von 200 mmol/L Acetophenon in
THF in den Reaktor dosiert. Die Flüsse beider Pumpen werden auf 5 ml/Std.
eingestellt. Damit beträgt die Verweilzeit τ = 1 Std. und die Anfangskonzentration
an Keton und Boran je 100 mmol/L. Über das T-Stück am Reaktorausgang wird
mit 4 ml/Std. Methanol gequencht. Der Reaktorauslauf wird in einem Fraktions
sammler aufgefangen. Umsatz und ee werden gaschromatographisch bestimmt. Ein
entsprechender Reaktorlauf ist in Fig. 4 wiedergegeben. Es zeigte sich, daß der
Reaktor über einen langen Zeitraum stabil betrieben werden kann und Umsätze bis
zu 100% erreicht werden. Zudem liefert das erfindungsgemäße Verfahren die
angestrebten Enantiomerenüberschüsse von ≧ 90% ee.