Biegevorrichtung für auf Erweichungstemperatur erwärmte Glasscheiben
Die Erfindung betrifft eine Vorrichtung zum Wölben von auf Erweichungstemperatur erwärmten Glasscheiben nach dem Oberbegriff des Anspruches 1. Biegevorrichtungen dieser Gattung sind zum Beispiel aus DE-PS 40 03 828 bekannt. Die in einem Rollenherd auf Erweichungstemperatur erwärmte plane Glasscheibe wird im planen Zustand auf einem Rollenherd, der aus geraden Transportrollen besteht, in die Biegevorrichtung gefördert. Der Biegevorgang wird dann dadurch vollzogen, daß der Rollengang aus geraden Transportstäben sich zwischen die Rollen eines Rollengangs aus gebogenen Transportrollen absenkt, wobei die gebogenen Rollen in ihrer Biegeform der zu erzielenden Biegekontur entsprechen (EP-A 0 114 168) oder, daß die den geraden Rollenherd bildenden Transportstäbe nach Einlaufen der Scheibe in den Biegebereich nach unten (DE-PS 40 03 828) zwischen die das Formbett bildenden gebogenen Transportrollen schwenken oder die Form bildende Transportstäbe von unten nach oben aus dem Rollenherd mit geraden Transportstäben herausgeschwenkt werden. Eine weitere Biegevorrichtung nach dem Oberbegriff des Anspruchs 1 ist aus der US-PS 5,201,982 bekannt.
Allen diesen Vorrichtungen ist gemeinsam, daß bei der Verformung der Glasscheibe eine Relativbewegung der Glasscheibe in axialer Richtung der Transport- oder Formstäbe auftritt, da diese während des Biegevorganges ihre Lage relativ zur Scheibe verändern. Die Folge sind Oberflächenbeschädigungen der Glasscheibe, Minderungen der optischen Qualität und eine vergleichsweise geringe Standzeit der Ummantelungen von Biege- und Transportrollen, welche zur Vermeidung noch größerer Beschädigungen der Oberfläche der Glasscheibe erforderlich sind. Ein weiterer Nachteil der bekannten Verfahren ist noch, daß die Scheibe während des Biegevorgangs - über die Scheibenbreite betrachtet - nur in kleinen Bereichen aufliegt. So wird zum Beispiel bei den Vorrichtungen nach DE-PS 40 03 828 die Scheibe zunächst nur auf den ICanten geführt. Das gesamte Gewicht der Scheibe muß folglich auch auf den Kanten aufliegen. Die Folgen sind eine hohe Beanspruchung der Kanten und eine störende Welligkeit, die ihre Ursache darin hat, daß im ersten Moment des Wegschwenkens oder Absenkens des geraden Rollenherdes die Scheibe zwischen den
sie stützenden Rollen durchsackt. Nachteilig ist ferner, daß mit dieser Art Vorrichtungen, dann, wenn stärkere Biegungen erzielt werden müssen, nur Scheiben mit parallelen Seitenkanten verarbeitet werden können. Bei Scheiben mit nicht parallelen Seitenkanten führt nämlich die verhältnismäßig große Reibung der Scheibe gegen Verschiebung auf den Transport- bzw. Biegerollen in axialer Richtung wegen der unterschiedlichen Auflagenbreite in der Regel zu einer Drehung der Scheibe um eine Achse senkrecht zur Transportebene. Dadurch kommt es zu Winkelabweichungen zwischen der Scheibenachse und der Achse des Biegezylinders, welcher der gebogenen Kontur einbeschrieben ist. Die Folge sind unzulässig hohe Geometrietoleranzen.
Dieser Fehler, der bei Scheiben mit nicht parallelen Seitenkanten besonders krass ist, tritt auch bei Scheiben mit parallelen Kanten auf, weil die Schubkraft, bei welcher die Scheibe die Haftreibung überwindet und die Relativbewegung in Richtung der Rollenachse beginnt, wie alle Vorgänge bei Reibungsbeteiligung, gewissen unvermeidlichen Schwankungen unterworfen ist.
All diese Nachteile werden bei der Vorrichtung nach der Erfindung vermieden, weil beim Biegevorgang keine Relativbewegung in Achsrichtung zwischen der Scheibe und den Biegerollen auftritt, welche durch ihre Bewegung die Biegeform erzeugen. Erfindungsgemäß wird dies dadurch erreicht, daß die Scheibe, welche auf geraden Transportrollen eines festen Rollenherdes in den Biegebereich einläuft, während des Biegevorganges von Biegerollen gefördert wird, welche im Ausgangszustand zwischen den festen Rollen liegen, etwa bis zu deren Mitte reichen und während des Biegevorgangs - im Querschnitt der Vorrichtung und der zu biegenden Scheibe betrachtet - auf der gewünschten Biegekontur abrollen. Bei diesem Abrollvorgang ist eine Relativbewegung zwischen Glasoberfläche und Biegerolle in deren Achsrichtung aus kinematischen Gründen ausgeschlossen. Die Scheibe liegt während des Biegevorganges völlig mit ihrem noch nicht gebogenen Teil auf den durch ihre Bewegung den Biegevorgang bewirkenden Förderrollen auf, so daß im Gegensatz zu den bekannten Vorrichtungen die Auflage zunächst vollflächig ist und erst am Ende des Biegevorganges, wenn die Scheibe durch die Biegeform schon eine gute Führung in Längsrichtung erhalten hat, sich die Auflagefläche verringert.
Die beschriebene erfindungsgemäße Vorrichtung hat noch den Vorteil, daß ein Rollenkörper, welcher der Biegeform entspricht, oberhalb des geraden Transportrollentisches angeordnet werden kann, so daß die Scheibe durch die Abrollbewegung, durch welche die Biegung erfolgt, gegen diese Form gedrückt wird. Auch beim Kontakt mit den Rollen dieses Formkörpers kommt es auch aus kinematischen Gründen nicht zu einer Relativbewegung in Richtung der Rollenachsen. Bei der erfindungsgemäßen Vorrichtung ist also die Reibung zwischen der Ummantelung der die Scheibe führenden bzw. verformenden Rollen und der Scheibe im Gegensatz zu den bekannten Rollenbiegevorrichtungen von Vorteil, da sie die Lage der Scheibe während des Biegevorganges fixiert.
Bei besonderen Anforderungen an die zu biegende Glasscheibe, wie z.B. besondere Schonung einer mit Siebdruck versehenen oder beschichteten Oberfläche ist es erfindungsgemäß möglich, den Formkörper während des Biegevorganges mit gleicher Geschwindigkeit wie die Scheiben zu bewegen, so daß zwischen dem Formkörper und der zu biegenden Scheibe während des Biegevorganges keine Relativbewegung auftritt. Hierzu wird der Formkörper im oberen Teil der Vorrichtung z.B. in Schienen geführt und mittels eines mit der Transportbewegung synchronisierten Antriebes bewegt. Zur Ausschaltung von Massenträgheitseffekten empfϊelt es sich, die Bewegung des Formkörpers bereits einzuleiten, bevor dieser auf der Scheibe umgesetzt wird. Umgekehrt wird am Ende des Biegevorganges der Formkörper erst abgebremst, nachdem er von der fertig gebogenen Scheibe abgehoben wurde. Zu diesem Zweck muß der Formkörper mit entsprechenden Stellelementen zur Ausführung der Absenk- und Anhebbewegung ausgerüstet sein, welche mit der Einrichtung zur Bewegung des Formkörpers in Transportrichtung der Scheibe synchronisiert sind.
Die erfindungsgemäße Vorrichtung wird im folgenden anhand eines typischen Ausführungsbeispiels einer Vorrichtung zur Fertigung gebogener Scheiben aus dem Architektur- und Einrichtungsbereich beschrieben. Zur Erläuterung der Beschreibung dienen die Figuren 1 bis 4. Es zeigen
Figur 1 einen Querschnitt der Vorrichtung mit Formkörper,
Figur 2 einen Längsschnitt, bei welchem zur besseren Übersicht nur das Oberteil des Formkörpers angedeutet ist und die Biegerollen sich in verschwenkter
Stellung befinden, Figur 3 eine Draufsicht in deren oberer Hälfte die Biegerollen und in deren unterer
Hälfte die geraden Transportrollen des festen Rollenganges dargestellt sind, und Figur 4 eine Vorrichtung, in welcher der Formkörper während des Biegevorganges mit der zu biegenden Scheibe mitbewegt und auf diese aufgesetzt werden kann,
der erfindungsgemäßen Vorrichtung.
Eine Glasscheibe 1 wird auf einem feststehenden Rollenherd aus geraden Rollen 2 in den Biegebereich gefördert. Diese Transportrollen sind auf kammartigen Lagerstützen 3 verlagert. Der Antrieb erfolgt über einen Riemen- oder Kettentrieb 4 mittels eines Getriebemotors 5. Zwischen den geraden Transportrollen 2 sind von beiden Seiten etwa bis zur Mitte der geraden Rollen 2 reichende gerade Biegerollen 6 angeordnet. Diese Biegerollen 6 sind an den beiden Seiten des durch die Rollen 2 gebildeten Rollenherdes in Lagerbalken 7 und an ihrem anderen Ende auf Lagerstützen 9 verlagert, die ihrerseits auf dem mit dem Lagerbalken 7 biegesteif verbundenen Kragbalken 10, welcher sich unterhalb der Rollen 6 befindet, abgestützt sind. Im Inneren des vorteilhaft als Hohlprofil ausgebildeten Lagerbalkens 7 ist ein Riemen- oder Kettentrieb 4a zum Antrieb der Biegerollen vorgesehen. Der Lagerbalken 7 ist über seine Länge an mindestens zwei Stellen mit Lagerplatten 11 verbunden. Diese Lagerplatten 11 weisen zwei Gelenkpunkte 12 und 13 auf, wobei am unteren Gelenkpunkt 12 ein Hydraulikzylinder 14 angreift, der seinerseits wieder in einem Gelenkpunkt 15 drehbar verlagert ist, so daß bei Verschiebung der Kolbenstange 16 eine Drehbewegung des Zylinders 14 um diesen Drehpunkt 15 auftreten kann. In ähnlicher Weise wirken auf den Drehpunkt 13 zwei Zylinder 17 und 18, die ebenso wie der Zylinder 14 in den Drehpunkten 19 und 20 verlagert sind. Durch diese Art der Aufhängung ist die Lagerplatte 11 und mit ihr der Lagerbalken 7 mit den
Biegerollen 6 statisch bestimmt gelagert. Mit den Zylindern ist eine Bewegung der Rollen möglich, die im Auslegungsbereich der Vorrichtung, was zu erzielende Biegeradien und Biegeformen angeht, beliebig verändert werden kann. Die Zylinder sind weggesteuert. Vorzugsweise können präzise weggesteuerte Hydraulikzylinder verwendet werden, wie sie in anderen Bereichen des Maschinenbaus eingesetzt werden und als Standardteile hoher Präzision verfügbar sind. Die Koordinierung der Wegsteuerung der Zylinder 14, 17 und 18 erfolgt in bekannter Weise durch einen Mikrorechner. Durch die Überlagerung von Rotation und Translation bei der Bewegung der Rollen wird erreicht, daß die Biegerollen sehr genau auf der gewünschten Biegekontur abrollen. Dabei tritt praktisch keine Relativbewegung zwischen Glasscheibe und Mantel der Biegerollen in deren Achsrichtung auf. Durch die erfindungsgemäße Technik des Biegens durch Abrollen findet die Biegung der Scheibe von innen nach außen statt, wobei das Biegemoment stets nur dort und so lange auf die Scheibe einwirkt, wie der Biegevorgang abläuft.
Um die Biegeform genau zu definieren, kann ein Formkörper 21 verwendet werden. Dieser Formköper 21 wird vorteilhaft von Rädern 22 und/oder Rollen 23 gebildet, die in ihrem Berührpunkt bzw. in ihrer Berührlinie auf der konkaven Seite der gebogenen Scheibe genau auf der gewünschten Biegeform liegen. Rollen werden vorzugsweise dann verwendet, wenn die Biegeform gerade Bereiche enthält, bei denen es, wie zum Beispiel bei Verglasungen für Verkaufstheken, auf gute Planität und gute Optik ankommt. Die Scheibe wird während des Biegevorganges von den Formrollen gegen den Formkörper gedrückt, wodurch eine Biegekraft auf die Scheibe ausgeübt wird. Daher kann, wie beim Glasbiegen mit einer Biegepresse, die Temperatur der zu biegenden Glasscheibe niedriger gewählt werden als beim Biegen nur durch Schwerkraft, was der Optik der Scheibe zu Gute kommt.
Der Formkörper 21, dessen Länge mindestens dem Bereich der Biegevorrichtung entspricht, in welchem der Biegevorgang abläuft, kann mit Hilfe von Positionshilfen, wie zum Beispiel Anschlagschienen 24 in der Biegeeinrichtung positioniert werden. Vorteilhaft ist das Einbringen des Formkörpers 21 von oben zum Beispiel mittels eines über der Biegevorrichtung angebrachten, querverfahrbaren Laufkranes. Nach Einbringen des
Formkörpers wird dieser mittels einer Schnellspannvorrichtung in der Biegevorrichtung, zum Beispiel Klemmschrauben 25 fixiert. Bei der beschriebenen Ausführung des Formkörpers 21 kann dieser ohne langwierige Stillstandzeit der Biegevorrichtung außerhalb der Vorrichtung genau justiert werden. Es ist auch möglich, mehrere Formkörper bereit zu halten, die unterschiedlichen, häufig zu produzierenden Biegeformen entsprechen. Mit entsprechend höherem Aufwand, was Stelleinrichtungen und Steuerungstechnik angeht, ist es auch möglich den Formkörper automatisch zu verstellen, wodurch sich das Wechseln des Formkörpers 21 erübrigt.
Bei einer für besondere Anforderungen, wie z.B. sehr empfindliche Oberflächen der konkaven Seite der zu biegenden Glasscheibe, wird der Formkörper 21 mit der Transportgeschwindigkeit der Scheibe in der Biegevorrichtung mitbewegt (Fig. 4). Hierzu ist der Formkörper 21 mit Laufrollen versehen, welche in Schienen, die im oberen Teil der Biegevorrichtung angebracht sind, geführt werden. Der Antrieb erfolgt z.B. durch einen elektrisch betriebenen Kettentrieb 26, der mit dem Antrieb der Rollen 2 und 6 synchronisiert ist, so daß die Verfahrgesch windigkeit des Formkörpers 21 genau der Umfangsgeschwindigkeit der vorgenannten Rollen entspricht. Es ist zweckmäßig, den Formkörper 21 zunächst auf diese Geschwindigkeit zu beschleunigen und anschließend mittels Stellelementen, im dargestellten Fall pneumatisch betriebene Kurzhubzylinder 25, auf die Scheibe abzusenken. In ähnlicher Weise wird am Ende des Biegevorganges der Formkörper 21 zunächst von der der fertig gebogenen Scheibe abgehoben, anschließend mit dem Antrieb 26 verzögert und durch Umkehr der Bewegungsrichtung wieder in die Ausgangsposition gebracht. Die Bewegung des Formkörpers wird abhängig von der Position der zu biegenden Glasscheibe in der Vorrichtung derart eingeleitet, daß die zu biegende Glasscheibe mit ihrer gesamten Länge während des Biegevorganges vom Formkörper überdeckt wird. Die Erfassung der Position der Scheibe erfolgt in üblicher und bekannter Weise mittels Lichtschranken oder anderer geeigneter Näherungssensoren.
Die Gesamtlänge der Biegevorrichtung ist auf die maximale Länge der zu biegenden Glasscheibe abgestimmt. Dies bedeutet, daß zur Länge der gebogenen Scheibe noch die Länge hinzu kommt, welche die Scheibe auf den Biegerollen während des Biegevorganges
zurücklegt. Typisch ist für eine Scheibe von zum Beispiel 2m Länge eine Länge der Biegevorrichtung von etwa 3m.
Hinter der Biegeeinrichtung wird zur Herstellung von Einscheibensicherheitsglas eine Luftkühlstrecke angeordnet, welche die zur Erzeugung der gewünschten Vorspannung erforderliche rasche Abkühlung der Scheibe bewirkt. Diese sogenannte Luftvorspannstrecke ist zweckmäßigerweise mit entsprechend der Biegeform einstellbaren Förderrollen und Vorspanndüsen ausgestattet.