Reaktives Mehrkomponentenspritzgießen
Die Erfindung bezieht sich auf das Gebiet der Chemie und betrifft ein reaktives Mehrkomponentenspritzgießen, durch welches beispielsweise Hart-Weich-, Hart- Hart-, Hart-Weich-Hart- oder Weich-Hart-Weich-Verbindungen im Zweitakt- Verfahren, im Sandwichmoulding-Verfahren oder im Overmoulding-Verfahren hergestellt werden können. Das erfindungsgemäße Verfahren kann auch auf dem Gebiet des Zweikomponenten-Spritzpressens angewendet werden. Derartig hergestellte Verbindungen finden beispielsweise in Wasserführungssystemen als eingespritzte Dichtungen oder bei Griffelementen zur Verbesserung der Haptik Anwendung.
Das Mehrkomponentenspritzgießen ist ein technologisch komplizierter Prozeß und erfordert einen hohen ingenieurtechnischen Standard (C. Jaroschek, Aachener Beiträge zur Kunststoffverarbeitung, Verlag der Augustinus Buchhandlung, ABK Band 22).
Das Zweikomponentenspritzgießen z.B. zur Herstellung von Hart-Weich- und Hart- Weich-Hart-Verbindungen aus verschiedenen Materialien zur Erweiterung der Gebrauchseigenschaften von Produkten ohne kostenaufwendige zusätzliche Zwischenschritte, wie Kleben oder Fügen, ist bekannt und wird zukünftig an Bedeutung gewinnen (T. Zipp, Aachener Beiträge zur Kunststoffverarbeitung, Verlag der Augustinus Buchhandlung, ABK Band 3).
Der Einsatz verschiedener Kunststofftypen für das Mehrkomponentenspritzgießen besitzt aufgrund von Verträglichkeitsproblemen zwischen den einzelnen
Komponenten Grenzen. Die Verträglichkeit ist zur Zeit für die kombinierte Anwendung bei vorgegebenen Qualitätskriterien einschließlich der Dauerbelastung der Verbindung ein wichtiges Kriterium.
Probleme treten auf, wenn unverträgliche oder wenig verträgliche Kunststofftypen miteinander kombiniert werden sollen. Die Eigenschaften für diese Produkte werden dann bestimmt durch die Schwachstelle, welche die Grenzfläche des Verbundes von zwei Komponenten bildet. In dieser Region beginnt vorzugsweise die Delamination. Empirisch wurden Verträglichkeiten beim Kombinieren aufgestellt, die aufgrund fehlender genormter Prüfmethoden nicht oder nur eingeschränkt vergleichbar sind und den wachsenden Ansprüchen nur bedingt gerecht werden.
Ein zentrales Problem beim Zweikomponentenspritzgießen ist die Verbundhaftung an der Grenzfläche zwischen den Materialien.
Bei einer Vielzahl von Anwendungen in der Mehrkomponententechnik mit unterschiedlichen Materialien werden die eingesetzten Materialien über eine spezielle Werkzeugauslegung formschlüssig miteinander so verknüpft, daß sie dadurch unlösbar verbunden sind.
Für nichtmechanische Verbindungen zwischen zwei verschiedenen Kunststoffen wurde häufig die Adhäsion zur Beschreibung der Verbundhaftung herangezogen. Rein adhäsive Kräfte (Van der Waals-Kräfte) mit Bindungsenergien im Bereich von 20 bis 40 kJ/mol beschränken sich auf den Kontakt in den Grenzflächen und sind reversibel. Als alleinig wirkende Bindekraft wird die Adhäsion als nicht ausreichend für eine dauerhafte und feste Haftung eingeschätzt (Kunststoffe 84 (1994) 6, 705 - 710).
Mit der Weiterentwicklung der Modellvorstellungen wird der Haftungsmechanismus bei Mehrkomponenten-Verbindungen bevorzugt auf ein Verschweißen der Komponenten an deren Grenzflächen (Interdiffusion der Molekülketten) zurückgeführt. Dieses Verschweißen soll beim Kontakt der Schmelze des Materials 2 mit der Grenzfläche des erkalteten Materials 1 erfolgen, wenn die Schmelzetemperatur des Materials 2 beim Auftreffen auf die Grenzfläche des Materials 1 höher ist als dessen Schmelztemperatur. Schon bei geringen Diffusionstiefen sollen hohe Verbundfestigkeiten durch eine Verschlaufung der
Molekülketten miteinander entstehen. Die Diffusionstiefe ist aufgrund der geringen Schmelzekontaktzeit bis zum Erstarren relativ klein. Der Interdiffusionsvorgang wird nach diesem Modell vorzugsweise durch die verfahrenstechnisch herrschenden Temperatur- und Zeitbedingungen bestimmt. Aktuelle Ergebnisse belegen, daß das Modell zur Beschreibung der Verhältnisse an der Grenzfläche zwischen zwei Materialien über Verschweißen/Interdiffusion der Polymerketten für zahlreich Anwendungsfälle nicht ausreichend ist.
Die Aufgabe der Erfindung besteht darin, beim Mehrkomponentenspritzgießen an der Grenzfläche oder in der Grenzflächenregion zwischen zwei oder mehreren Materialien eine verbesserte Haftung zu erreichen.
Die Aufgabe wird durch die in Anspruch 1 angegebene Erfindung gelöst. Weiterbildungen sind Gegenstand der Unteransprüche.
Durch die Erfindung werden zur Verbesserung der Haftfestigkeit des Verbundes zweier oder mehrerer Komponenten Materialien eingesetzt, bei denen während des Herstellungsprozesses gezielt chemische Reaktionen hervorgerufen und genutzt werden. Durch die thermische Aktivierung mindestens einer Komponente der eingesetzten Polymere in der Schmelze werden zusätzliche chemische, d.h. kovalente Bindungen, an der Grenzfläche oder in der Grenzflächenregion zwischen den Komponenten als Grundlage für die feste und dauerhafte Verbindung ausgebildet.
Dabei wird die Schmelzeenergie in der Spritzgießmaschine zur chemischen Aktivierung für mindestens eine der Materialkomponenten genutzt. Aufgrund der kurzen Zykluszeiten müssen die chemischen Reaktionen für diese Art der Schmelzemodifizierung von Kunststoffen sehr schnell verlaufen.
Ein derart chemisch modifiziertes/aktiviertes Material wird erstens auf ein höher oder nicht schmelzendes Material aufgespritzt. Ein Verschweißen oder Verschmelzen kann an der Grenzfläche nicht stattfinden, sondern es erfolgt die Ausbildung von zusätzlichen chemischen Bindungen, die zu einer erhöhten Haftfestigkeit führen.
Vorteilhaft sind Materialkombinationen, wie: Thermoplast - Thermoplast Thermoplast - Elastomer Duroplast - Thermoplast Duroplast - Elastomer
Zweitens können die Komponenten als Schmelze gemeinsam in einem Sandwich- Moulding-Verfahren gespritzt werden.
Durch Schmelzeaktivierung zusätzlicher reaktiver Gruppen (Isocyanat- und/oder Uretdiongruppen) in der Polyurethan-Komponente und Umsetzung mit aktiven Gruppen in der zweiten Komponente, bestehend aus Amino- und/oder Amid- und/oder aromatischer Hydroxy- und/oder aliphatischer Hydroxy- und/oder NH-Imid- und/oder OH-Oxim- und/oder Carbonsäure- und/oder Carbonsäureanhydridgruppen können in der Grenzschicht/Grenzschichtregion des Verbundes zusätzliche chemische Bindungen erzeugt werden, die zu einer wesentlich verbesserten Verbundhaftung führen.
Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, wenn das Formteil/der Verbund bei Raumtemperatur und normaler Luftfeuchtigkeit konditioniert wird. Eine Konditionierung unter speziellen Bedingungen, erhöhte Temperatur, erhöhte Luftfeuchtigkeit und gegebenenfalls bei Zusätzen an Alkohol, Ammoniak oder Amin ist ebenfalls vorteilhaft.
Ein besonderer Vorteil des erfindungsgemäßen Verfahrens ist, daß die Materialkombinationen direkt herstellbar sind, die sonst nur in aufwendigen und kostenintensiven Arbeitsschritten realisiert werden können. So können erfindungsgemäß auf einfache Weise dauerhafte Verbindungen erreicht werden.
Im weiteren wird die Erfindung an mehreren Ausführungsbeispielen näher erläutert.
Beispiel 1
Die Herstellung eines modifizierten TPU (thermoplastischen Polyurethans) erfolgt durch Compoundierung eines handelsüblichen TPU der Type Elastollan C 60 D in einem Doppelschneckenextruder unter Zudosierung von 5 Ma.-% MDI (Methylendiphenylendiisocyanat) mit einer Dosierwaage. Das MDI wird in das TPU homogen eingearbeitet. Der austretende Strang wird granuliert. Dieses Produkt wird für die Folgeversuche als modifiziertes TPU eingesetzt.
Weiter wird zur Herstellung eines Zweikomponenten-Zugstabes als Formteil als erste Komponente Polyamid 6 unverstärkt (Ultramid B3K) und als andere Komponente das modifizierte TPU eingesetzt und bei Werkzeugtemperaturen von TWE = 60 °C und Temperaturen der Düsen der Spritzgießmaschine von TDusei = 255 °C (erste Komponente) und T uSe2 = 220 °C (andere Komponente) das Formteil durch Spritzgießen hergestellt
Bei anschließender Kontrolle der Verbundfestigkeiten ergeben sich folgende Werte.
PA6 unverstärkt / TPU unmodifiziert → 8 MPa (Stand der Technik)
PA6 unverstärkt / TPU modifiziert - 24 MPa
Beispiel 2
Zur Herstellung eines Zweikomponenten-Zugstabes als Formteil wird als erste Komponente Polyamid 6 glasfaserverstärkt (Ultramid B3EG6) und als andere Komponente das modifizierte TPU (hergestellt entsprechend Beispiel 1 ) eingesetzt und bei Werkzeugtemperaturen von T E = 60 °C und Temperaturen der Düsen der Spritzgießmaschine von TDuse. = 260 °C (erste Komponente) und TDuse2 = 220 °C (andere Komponente) das Formteil durch Spritzgießen hergestellt
Bei anschließender Kontrolle der Verbundfestigkeiten ergeben sich folgende Werte.
PA6 glasfaserverstärkt / TPU unmodifiziert -» 12 MPa (Stand der Technik) PA6 glasfaserverstärkt / TPU modifiziert → 19 MPa
Beispiel 3
Zur Herstellung eines Zweikomponenten-Zugstabes als Formteil wird als erste Komponente Polycarbonat (PC Lexan 121 ) und als andere Komponente das modifizierte TPU (hergestellt entsprechend Beispiel 1 ) eingesetzt und bei Werkzeugtemperaturen von T E = 60 °C und Temperaturen der Düsen der Spritzgießmaschine von T usei = 290 °C (erste Komponente) und TDuse2 = 220 °C (andere Komponente) das Formteil durch Spritzgießen hergestellt
Bei anschließender Kontrolle der Verbundfestigkeiten ergeben sich folgende Werte.
Polycarbonat / TPU unmodifiziert → 2 MPa (Stand der Technik)
Polycarbonat / TPU modifiziert → 14,5 MPa
Beispiel 4
Zur Herstellung eines Zweikomponenten-Zugstabes als Formteil wird als erste Komponente Polyamid 6 (Ultramid B3K) und als andere Komponente modifiziertes TPU (Elastollan1185 A 10) eingesetzt und bei Werkzeugtemperaturen von TWE = 60 °C und Temperaturen der Düsen der Spritzgießmaschine von TDusei = 255 °C (erste Komponente) und TDuSe2 = 215 °C (andere Komponente) das Formteil durch Spritzgießen hergestellt
Bei anschließender Kontrolle der Verbundfestigkeiten ergeben sich folgende Werte.
Polyamid 6 / TPU unmodifiziert - 4 MPa (Stand der Technik)
Polyamid 6 / TPU modifiziert → 12 MPa