Aufwuchskörper zur Immobilisierung von Mikroorganismen
Die Erfindung betrifft einen Aufwuchskörper zur Immobilisierung von Mikro- Organismen, insbesondere zur Verwendung in Abwasser-Reinigungsanlagen, bestehend aus einer Matrix als Trägermaterial, in welche in fein verteilter Form ein biologisch abbaubares Substrat inkorporiert ist.
Bei der Selbstreinigung von Gewässern und Böden spielen Biofilme eine entscheidende Rolle. Durch die besondere Strukturierung der Biofilme finden Abbauspezialisten, die im Regelfall eine relativ geringe Vermehrungsgeschwindigkeit aufweisen, hier günstigere Entwicklungsmöglichkeiten als in Suspensionen. Infolge der Anwesenheit dieser hochspezialisierten Mikroorganismen können auch biologisch schwer abbaubare Substanzen (z. B. Xenobiotika) in Biofiimen eliminiert werden.
Im Prozeß der biologischen Abwasserreinigung kann die Nutzung von Biofilmen zu einer erhöhten Nitrifikationsleistung führen und die Prozeßstabilität bei Belastungsschwankungen erhöhen. Unter Praxisbedingungen konnte der Nachweis erbracht werden, daß mit Hilfe von Biofilmen hinreichende Nitrifi- kationsleistungen auch bei sehr niedrigen Temperaturen (zwischen 2°C und 5°C) möglich sind. Die Begründung hierfür ist darin zu sehen, daß bei Biofilmen - im Gegensatz zu Suspensionen - auch bei geringen Wachstumsraten kein Ausschwemmen der Mikroorganismen erfolgt.
Der Stofftransport innerhalb eines Biofilms erfolgt diffusionsiimitiert, so daß sich bei entsprechenden Abbaugeschwindigkeiten Konzentrationsgradienten ausbilden. Aufgrund der geringen Löslichkeit von Sauerstoff in wäßrigen
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Medien können sich innerhalb eines Biofilms neben aeroben auch anoxische bzw. anaerobe Zonen ausbilden. Somit wird durch den Einsatz von Biofilmen - im Unterschied zum Belebtschlammverfahren - auch eine simultan ablaufende Nitrifikation und Denitrifikation möglich. Als Steuergrößen für die Pro- zesse der Ausbildung aerober und anaerober/anoxischer Zonen wird die Sauerstoffkonzentration verwendet. Neue Ergebnisse belegen auch, daß die Populationsdynamik im Biofilm derart beeinflußbar ist, daß die auf die Nitrifikation und Denitrifikation inhibierend wirkenden Faktoren zumindest partiell nivelliert werden.
Um in Abwasserreinigungsanlagen die oben geschilderten nützlichen Eigenschaften von Biofilmen nutzen zu können, ist es notwendig, in der Abwasserreinigungsanlage genügend geeignete Oberflächen zur Verfügung zu stellen, an denen sich diese Biofilme durch Immobilisierung von Mikroorganismen ausbilden können. Für die Herstellung von Aufwuchskörpern zur Immobilisierung von Mikroorganismen eignen sich verschiedene Materialien. Besonders intensiv untersucht wurde die Eignung von Aktivkohle, porösem Glas, porösem Kunststoff, hier insbesondere Polyethylen (PE) oder Polyvinylchlorid (PVC).
Um die Ausbildung von Biofilmen an den Aufwuchskörpern zu beschleuni- gen, ist es aus der DE-OS 34 1 0 41 2 bekannt, in eine Matrix aus vorzugsweise PVC ein biologisch abbaubaren Substrat als Depot einzubauen, welches als Wasserstoffdonator und ggf. als Kohlenstoffquelle dient.
Diese vorbekannten Aufwuchskörper mit einem inkorporierten, biologisch abbaubaren Substrat haben jedoch den Nachteil, daß sie nach Verbrauch des Substrates und aufgrund von Mineralisierungsprozessen innerhalb der sich ausbildenden Biofiime alsbald verstopfen und allmählich unbrauchbar werden. Aus diesem Grunde müssen diese Aufwuchskörper in regelmäßigen Abständen erneuert werden. Hierdurch entstehen erhebliche Kosten für die Regenerierung bzw. Entsorgung der gebrauchten Aufwuchskörper.
Es ist deshalb Aufgabe der Erfindung, die Aufwuchskörper der eingangs genannten Art dahingehend weiterzubilden, daß sie über ihre gesamte
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Lebensdauer voll funktionsfähig bleiben und Kosten für die teure Regenerierung und/oder Entsorgung entfallen.
Zur Lösung dieser Aufgabe schlägt die Erfindung ausgehend von einem Aufwuchskörper der eingangs genannten Art vor, daß die Matrix aus einem biologisch abbaubaren Biopolymer besteht, welches erheblich langsamer abbaubar ist, als das Substrat, und in welches das Substrat in Form von mit Abstand zueinander angeordneten Teilchen eingebettet ist.
Erfindungsgemäß kommen als Biopolymere und Substrate vor allem an und für sich bekannte Materialien zum Einsatz. Entscheidend sind vor allem die Eigenschaften hinsichtlich der Abbaubarkeit. Neben den im folgenden genannten Materialien sind insbesondere auch Biopoiymere aus recycleten Kunststoffen bevorzugt.
Bei den Aufwuchskörpern gemäß der Erfindung entsteht in der Phase der Besiedlung mit Mikroorganismen durch Metabolisierung des schneller abbau- baren Substrats im Bereich der von außen zugänglichen Substratteilchen ein Sekundärporensystem, welches allmählich von außen nach innen in den Aufwuchskörper hineinwächst. Dieser Prozeß der Sekundärporenausbildung schreitet insofern langsam fort, als jeweils vor Angriff des nächsten Substratteilchens eine Zwischenwand aus dem langsamer abbaubaren Biopo- lymer abgebaut werden muß. Durch die auf diese Weise langsam in den Aufwuchskörper hineinwachsenden Biofilme kommt es im Inneren des Aufwuchskörpers durch die sich dort bildende Biomasse zum Aufbau von mechanischen Spannungen, die den Aufwuchskörper aufsprengen. Durch dieses Aufsprengen werden nach und nach frische Trennflächen freigelegt, an denen sich wieder neue Biofilme bilden können. Dieser Prozeß schreitet fort, bis das als Matrix dienende Biopolymer nach der vorgegebenen Nutzungszeit vollständig durch Mikroorganismen metabolisiert ist. Somit entfällt eine Entsorgung oder Regenerierung der Aufwuchskörper.
Besonders günstige Verhältnisse ergeben sich, wenn das schneller abbau- bare Substrat eine Standzeit von 20 bis 60 Tagen hat und das langsamer abbaubaren Biopolymer eine Standzeit von 2 bis 1 0 Jahren hat.
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Das schneller abbaubare Substrat besteht zweckmäßig aus Polyhydroxybut- tersäure (PHB), Polyhydroxyvaleriansäure (PHV) oder Gemischen derselben (erhältlich als Biopol® von der Fa. Monsanto). PHB und PHV können zugleich als Kohlenstoffquelle dienen und sind aus diesem Grunde insbesondere für die Denitrifikation günstig. Alternativ kann das schneller abbaubare Substrat auch ein Biopolymer auf der Basis von modifizierter Gelatine sein. Hierzu wird Rohgelatine unter Verwendung von Formaldehyd bzw. Glutaraldehyd vernetzt. Dabei kann ein Optimum zwischen H2O-Aufnahme und biologischer Abbaugeschwindigkeit eingestellt werden.
Gegebenenfalls kann das schneller abbaubare Substrat auch ein Biopolymer auf der Basis von proteinhaltigen Verbindungen aus nachwachsenden Rohstoffen, zum Beispiel Weizenkleber oder Rapsölkuchen enthalten. Solche Biopolymere lassen sich sehr kostengünstig aus Rückständen der Weizenmehlproduktion oder Rapsölherstellung gewinnen.
Als langsamer abbaubares Biopolymer wird vorzugsweise Polycaprolacton verwendet. Dabei handelt es sich um ein kristallines Polymer, welches langsam biologisch abbaubar ist und unter der Bezeichnung TONE® Polymers von Union Carbide vertrieben wird.
Alternativ kann als langsamer abbaubares Biopolymer auch ein Polymer auf der Basis von modifizierter Stärke oder auf der Basis von Zellulose verwendet werden. Auch solche langsam abbaubaren Biopolymere können billig aus verschiedenen Abfallstoffen gewonnen werden. Voraussetzung ist gemäß der Erfindung, daß der biologische Abbau vollständig gemäß DIN V 54900 Teil 2 erfolgt. Als modifizierte Stärke kann beispielsweise das Produkt Sconacell A der Fa. BSL verwandt werden. Es handelt sich dabei um ein biologisch abbaubares Stärkeacetat.
Um die Zusammensetzung der sich ausbildenden Mischpopulation innerhalb eines Biofilmes in der Phase der Besiedelung günstig zu beeinflussen, enthält das schneller abbaubare Substrat zusätzlich einen Stickstoffanteil in Form von Harnstoff, Ammoniumverbindungen und/oder Protein. Durch die Zugabe des Stickstoffanteils zu dem biologisch schneller abbaubaren Substrat wird
5 ein gewisser Selektionsdruck auf die Mikroorganismen erreicht. In der Phase der Besiedelung der Aufwuchskörper durch eine Mischpopulation wird damit den Nitrifikanten ein verbessertes Subtratangebot garantiert. Der Harnstoff wirkt sich auch vorteilhaft auf den gesamten Anfahrvorgang der Anlage aus. So erfolgt die Primärversorgung des mit Belebtschlamm angeimpften Reaktors über den sich aus den Aufwuchskörper auslösenden Stickstoffanteil. Das bedeutet, daß in der Zeit der Primärbesiedelung der Aufwuchskörper der Prozeß der Anheftung der Mikroorganismen nicht durch die Zugabe von frischem Abwasser beeinträchtigt wird.
Der Stickstoffanteil ist zweckmäßig gleichmäßig in dem biologisch schneller abbaubaren Substrat verteilt und beträgt bis zu 4 Masse-%. Bei dem Einsatz von Gelatine bzw. proteinhaltigen Verbindungen als biologisch schneller abbaubarem Substrat entfällt der Zusatz von Harnstoff, da diese Materialien bereits Stickstoff in ausreichendem Maße beinhalten. Insbesondere beträgt der Anteil der Stickstoffverbindungen 2,5 bis 4 Masse-%.
Der Aufwuchskörper gemäß der Erfindung ist als Compound aus zum Zwecke der Herstellung in Schmelze gebrachtem Biopolymerisat und Substratteilchen hergestellt. Auf diese Weise wird erreicht, daß die Substratteilchen fein verteilt und mit dem erforderlichen Abstand zueinander in das als Matrix dienende Biopolymer eingebettet sind. Die Teilchengröße des in dem Compound eingebetteten Substrates beträgt 50 bis 1 000μm wobei der Abstand zwischen den Teilchen im Durchschnitt kleiner als der Teilchendurchmesser ist. Bei diesen Abmessungsverhältnissen ergeben sich optimale Wachstumsbedingungen für den langsam in den Aufwuchskörper hineinwachsenden Biofilm und das sich dabei ausbildende Sekundärporensy- stem.
Die Aufwuchskörper sind u. a. zum Einsatz in Biofilmreaktoren mit getauchtem Trägermaterial und Biofiltern - gemäß DIN EN 1 2255-7 - Biofilmreaktoren - vorgesehen. Bei einem Einsatz in Wirbelbettreaktoren - wird vorzugs- weise eine Körpergröße von 3 bis 5mm verwendet. Bei einem Einsatz in Festbettreaktoren - gemäß VDMA-Einheitsblatt 24 426 Biofilmreaktoren - wird demgegenüber eine Körpergröße von 5 bis 1 00mm bevorzugt.
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Im Vergleich zu konventionellen Aufwuchskörpern, haben die Aufwuchskörper gemäß der Erfindung außerdem noch folgende Vorteile:
Das sich in der Phase der Besiedelung durch Metabolisierung in dem Aufwuchskörper ausbildende Sekundärporensystem schützt die sich darin aus- bildenden Mikroorganismen des Biofilms gegen von außen einwirkende Scherkräfte, so daß die Aufwuchskörper gemäß der Erfindung besonders für Wirbelbettreaktoren - gemäß VDMA Einheitsblatt 24 426 Biofilmreaktoren - geeignet sind.
Mit den Aufwuchskörpern gemäß der Erfindung ist es möglich, die Reini- gungsschritte Kohlenstoffabbau, Nitrifikation und Denitrifikation gleichzeitig und kontinuierlich in einem stetig und vollständig belüftete und mit Sauerstoff im Überfluß versorgten, einstufigen Reaktionsraum zu realisieren.
Der Vorteil einer prozeßtechnischen gleichzeitigen Denitrifikation liegt zum einen im niedrigeren Energieverbrauch (das Abwasser muß nicht rezirkuliert werden) und zum anderen im höheren Wirkungsgrad (Denitrifikationsleistung bei vorgeschalteter Denitrifikation: max. 76%; Denitrifikationsleistung bei gleichzeitiger Denitrifikation: nahe 1 00%). Problematisch ist jedoch bei herkömmlichen Anlagen die Dosierung und Steuerung von der Zugabe der externen Kohlenstoffquelle. Diese Probleme werden durch die feste Kohlen- stoffquelle in Form von biologisch abbaubaren Polymeren gelöst. Diese Polymere werden von den Mikroorganismen für ihren Stoffwechsel durch Ausscheiden extrazellulärer Enzyme verfügbar gemacht.
Ein Ausführungsbeispiel der Erfindung wird im folgenden anhand einer Zeichnung näher erläutert. Es zeigen:
Fig. 1 : einen Aufwuchskörper gemäß der Erfindung vor Besiedelung mit Mikroorganismen;
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Fig. 2: einen Aufwuchskörper gemäß der Erfindung nach der Besiedelung mit Mikroorganismen.
In der Zeichnung ist der Aufwuchskörper in seiner Gesamtheit mit dem Bezugszeichen 1 bezeichnet. Er besteht aus einer Matrix 2, aus einem biologisch langsam abbaubaren Biopolymer, z. B. aus Polycaprolacton, in welches fein verteilt ein biologisch schnell abbaubares Substrat 3, z. B. Polyhydroxy- buttersäure (PHB) eingebettet ist. Darüber hinaus enthält das Substrat bis zu 4 Masse-% Harnstoff.
Wie aus den Fig. 1 und 2 ersichtlich ist, besteht das Substrat aus kleinen Teilchen mit einer Teilchengröße von 50 bis 1 000//m. Der Abstand zwischen den Teilchen ist im Durchschnitt kleiner als ein Teilchendurchmesser. Insgesamt hat der Aufwuchskörper einen Durchmesser von etwa 4mm. Der Com- pound-Körper wird dadurch hergestellt, daß in das in Schmelze gebrachte Biopolymer die Substratteilchen eingemischt werden. Dies kann durch Extrudieren, Walzen oder andere Verfahren erfolgen.
Wie in Fig. 2 dargestellt ist, besiedeln die Mikroorganismen zunächst die am Rand freiliegenden Substratteilchen. Von dort wächst der von den Mikroorganismen gebildete Biofilm langsam von Substratteilchen zu Substratteilchen in das Innere des Aufwuchskörpers 1 hinein und stellt auf diese Weise ein langsam wachsendes Sekundärporensystem innerhalb des Aufwuchskörpers her. Da die sich im Inneren des Aufwuchskörpers 1 ausbildende Biomasse in dem Aufwuchskörper zusätzlich mechanische Spannungen erzeugt, wird der Aufwuchskörper 1 nach einiger Zeit aufgesprengt. Dabei werden an den sich ausbildenden Trennflächen jeweils wieder neue Flächen freigelegt, an denen sich neue Biofilme ausbilden können. Mit zunehmender Zerlegung des Aufwuchskörpers vergrößert sich auch dessen spezifische Oberfläche, so daß auch die Metabolisierung des langsam abbaubaren Biopolymers schneller fortschreitet. Am Ende des Prozesses sind sowohl das Substrat 3 als auch die Matrix 2 vollständig metabolisiert und brauchen deshalb nicht entsorgt zu werden.