Vorrichtung zum elektrochemischen Schneiden
Beschreibung
Die Erfindung betrifft eine Vorrichtung zum elektrochemi¬ schen Schneiden, die eine an eine Strom-/Spannungsquelle und an eine Elektrolytquelle angeschlossene und zwischen zwei Werkzeughaltern unter Aufbringung einer Zugkraft aufgespannte, im Arbeitsspalt mit einem Elektrolytstrom beaufschlagte Werkzeugelektrode umfasst, insbesondere zur Erzeugung langer schmaler Kanäle in einem Werkstück.
Das der elektrochemischen Metallbearbeitung zugrunde lie¬ gende Prinzip ist die Elektrolyse, bei der zwei Elektro- den elektrisch leitend mit einer Spannungsquelle verbun¬ den und in ein Elektrolytbad (z.B. NaCl) getaucht sind. Der Elektrolyt liegt in diesem Fall in Form getrennter Na+- und Cl"-Ionen sowie H+ und OH" Ionen vor. Die Ionen sind frei beweglich und begründen daher die Ionenbeweg- lichkeit des Elektrolyten und damit den an den Elektroden stattfindenden Ladungsaustauseh. Bei der Elektrolyse wan¬ dern die Kationen zur Kathode und die Anionen zur Anode. An der Anode werden die Metallatome (hier des Werkstücks) unter Abgabe ihrer Elektronen in Ionen aufgespalten und in einer weiteren Reaktion erfolgt die Bildung von Me¬ tallhydroxid. An der Kathode nehmen die H+-Ionen Elektro¬ nen auf und bilden H2-Moleküle. Die Abhängigkeit des ab¬ getragenen Werkstoffgewichts von der Molmasse und der ge¬ flossenen Ladung ergibt sich aus dem Faradayschen Gesetz.
Bei der elektrochemischen Metallbearbeitung erfolgt der Materialabtrag durch anodische Auflösung des elektrisch leitenden Werkstückmaterials, indem mittels einer Elek- trolytlösung ein Stromkreis zwischen einem als Kathode gepolten Formwerkzeug (Werkzeugelektrode) und dem als Anode gepolten Werkstück hergestellt wird. Die Geometrie
der Werkzeugelektrode ist an die zu lösende Bearbeitungs- aufgabe und die angestrebte Endkontur des Werkstücks an- gepasst. Zur Abführung der Reaktionsprodukte und der Wär¬ me wird der Elektrolyt mit hoher Strömungsgeschwindigkeit durch den zwischen Werkzeugelektrode und Werkstück gebil¬ deten Spalt gedrückt. Für den elektrochemischen Bearbei- tungsprozess werden bevorzugt wässrige Elektrolyte, Elek¬ trolytgemische, Säuren und Elektrolyt-Säure-Gemische ver¬ wendet. Folgende Merkmale sind Verfahrenstypisch:
Das unedlere Metall wird aufgelöst. An der Kathode findet kein Metallabtrag statt. Die umgesetzte Stoffmenge ist abhängig vom Atomge¬ wicht und der Wertigkeit des aufzulösenden Metalls sowie von der geflossenen Ladungsmenge. Je nach Art des Metall-Elektrolytsystems können sich an der Kathode Wasserstoff und an der Anode Sauerstoff bilden. Der anodisch aufgelöste Werkstoff fällt in Form ei- nes Niederschlags aus der Lösung aus oder kann bei einigen Elektrolyten auch gelöst werden. Die zugeführte elektrische Energie wird in Joule- sche Wärme umgesetzt, so dass die Temperatur der Lösung und ihre spezifische Leitfähigkeit zunimmt. - Werkstück und Werkzeug liegen als Elektroden am po¬ sitiven bzw. negativen Pol einer Strom- oder Span¬ nungsquelle oder einer gepulsten Strom- oder Span¬ nungsquelle. Die Elektrolytlösung wird mit hohen Drücken durch den Arbeitsspalt zwischen Werkzeug und Werkstück geführt und führt die Reaktionswärme sowie die me¬ tallischen Reaktionsprodukte ab. Zur Verbesserung der Spülbedingungen können dem elektrochemischen Senkprozess mechanische Schwin- gungen überlagert werden.
Die Werkzeugelektrode wird mit oder ohne Vorschub in das Werkstück eingesenkt, wobei die Abbildege¬ nauigkeit durch Verwendung gepulster Prozessener¬ giequellen verbessert werden kann.
Nach dem elektrolytischen Materialabtragsverfahren können auch schwer zerspanbare Werkstoffe bearbeitet werden. Auch komplizierte geometrische Formen und kleine tiefe Löcher können mit hoher Abtrags1eistung sowie gratfrei, formgenau und mit hoher Oberflächengüte erzeugt werden. Die Herstellung von sehr feinen, langen Kanälen erfolgt bekanntermaßen mit sehr dünnen, als Elektrode fungieren¬ den Drähten. Jedoch sind der Ausbildung von sehr langen Kanälen mit sehr geringem Durchmesser insofern Grenzen gesetzt, als der Durchmesser der als Werkzeugelektrode eingesetzten Drähte nicht beliebig verringert werden kann, da diese eine bestimmte Steifigkeit haben müssen und zur Erzielung der erforderlichen Genauigkeit der Kon¬ tur vorgespannt werden und mithin eine bestimmte Zugfes- tigkeit aufweisen müssen und zudem noch die notwendige Arbeitsspaltbreite für den Transport des Elektrolyten ge¬ währleistet sein muss.
Der Erfindung liegt die Aufgabe zugrunde, die Werkzeug- elektrode beim elektrochemischen Schneiden so auszubil¬ den, dass bei verbessertem Prozessverhalten in dem zu be¬ arbeitenden Werkstück möglichst schmale Kanäle in der vorgegebenen, auch komplizierten Kontur formgenau herge¬ stellt werden können.
Erfindungsgemäß wird die Aufgabe mit einer gemäß den Merkmalen des Patentanspruchs 1 ausgebildeten Werkzeug- elektrode gelöst. Aus den Unteransprüchen ergeben sich weitere Merkmale und vorteilhafte Weiterbildungen der Er- findung.
Der Kern der Erfindung besteht mit anderen Worten in der Ausbildung der Werkzeugelektrode aus elektrisch leitfähi¬ gen Fasern und/oder Faserbündeln. Während der Durchmesser der Fasern sehr gering ist, beispielsweise bei Kohlen- Stofffasern zwischen 3 und 10 μm liegt, können diese bis zum 40-fachen ihrer Ausgangslänge gedehnt werden und Fes¬ tigkeiten erreichen, die etwa 100 Mal höher als die von Stahl sind. Es wurde gefunden, dass mit einer aus elek¬ trisch leitfähigem Fasermaterial gebildeten Werkzeugelek- trode die elektrochemische Herstellung von sehr langen, schmalen Kanälen bei hoher Reaktionswärme und mit großer Abtrags1eistung sowie bei minimalem Werkzeugverschleiß und ungehindertem Elektrolyttransport bzw. Abtransport des abgetragenen Werkstückmaterials in einer vorgegebenen Kontur formgenau möglich ist. Das Fasermaterial ist zudem auf verschiedene Weise, das heißt, hinsichtlich seiner mechanischen und elektrischen Eigenschaften sowie seiner Kontur, Masse und funktionellen sowie Oberflächen-Gestal¬ tung, modifizierbar, und kann daher hinsichtlich der zu bearbeitenden Werkstoffe und Kanalformen an viele Anwen¬ dungsfälle angepasst und unter unterschiedlichen Prozess- bedingungen betrieben werden.
Die elektrisch leitfähigen Fasern oder Faserbündel können aus Kohlenstofffasern, Metallfasern, Halbleiterfasern oder elektrisch leitfähigen Glas-, Keramik- oder Kunst¬ stofffasern bestehen oder auch aus Wasser und Proteinen bestehende elektrisch leitfähige Fasern umfassen, die verschleißfest sind und bei sehr geringem Durchmesser hohe Festigkeiten und Dehnungen ermöglichen.
In Ausgestaltung der Erfindung können in ein und dersel¬ ben Faserwerkzeugelektrode über deren gesamte Länge oder in einzelnen Bereichen auch Fasern aus unterschiedlichen Werkstoffen miteinander kombiniert sein.
Die Länge der Faserwerkzeugelektrode liegt zwischen 0,01 und 1000 mm, vorzugsweise zwischen 2 und 200 mm, während deren Stärke einen Bereich von 0,01 bis 200 μm, vorzugs¬ weise aber von 1 bis 20 μm umfasst. Das Zugkraftpotential der Einzelfasern liegt zwischen 0,01 bis 10 N, vorzugs¬ weise zwischen 0,1 und 3 N.
In einer besonders bevorzugten Ausführungsform der Erfin¬ dung werden Kohlenstofffasern, zu denen auch Graphitfa- sern gerechnet werden, eingesetzt, die sowohl eine turbo¬ statische als auch eine graphitische Struktur aufweisen. Bevorzugt werden Kohlenstofffasern auf Poly-Acryl-Nitril- Basis (PAN-Fasern) oder auf Pech-Basis, wie beispielswei¬ se Ölteerpech, Kohleteerpech oder Synthesepech, verwen- det.
In weiterer Ausgestaltung der Erfindung kann die Oberflä¬ che der Faserwerkzeugelektrode über ihre gesamte Länge oder in bestimmten Bereichen mit leitenden und/oder iso- lierenden Stoffen beschichtet oder im Vakuum bzw. einer Vakuumatmosphäre mit definierter RestgasZusammensetzung behandelt oder mit einer Mikrostruktur in Form von Kanä¬ len, Noppen oder dgl . versehen sein, um dadurch die Ei¬ genschaften der Faserwerkzeugelektrode hinsichtlich der Leitfähigkeit, der Festigkeitseigenschaften und des Elek¬ trolyttransports zu beeinflussen.
In bestimmten Bereichen der Faserwerkzeugelektrode kann diese mit einer metallischen Beschichtung versehen sein, um an dem Werkzeug mit Hilfe entsprechender Lote Montage- hilfseinrichtungen, beispielsweise Führungen oder Spann¬ systeme, anbringen zu können.
Eine wahlweise an der Faserwerkzeugelektrode angebrachte Sensorik dient zur rechtzeitigen Erkennung von Faserschä-
den, um Schadensfälle während des Bearbeitungsprozesses zu verhindern.
Zudem kann die Faserwerkzeugelektrode verschiedene - bei- spielsweise runde, quadratische, sternförmige und dgl. - Querschnittsformen oder auch eine über ihre Länge unter¬ schiedliche Querschnittsform und -große aufweisen, um da¬ durch Kanäle mit einer bestimmten Kanalwandkontur oder mit Hinterschneidungen auszubilden. Die Faserwerkzeug- elektrode kann außerdem einen sich von dem einen zum an¬ deren Ende hin allmählich vergrößernden Querschnitt ha¬ ben, um dadurch beim elektrochemischen Schneiden einen sich konisch verjüngenden Kanal zu erzeugen.
Gemäß einem weiteren wichtigen Merkmal der Erfindung kann die Faserwerkzeugelektrode als röhrenförmiger Hohlkörper, vorzugsweise auch mit seitlichen Elektrolytaustrittsöff¬ nungen, ausgebildet sein,' einerseits um die Kühlung zu verbessern und andererseits um bestimmte Kanalbereiche zur Erhöhung der Materialabtrags- und Spülwirkung gezielt und/oder zusätzlich mit Elektrolytlösung zu versorgen. Das im Innern der Faserwerkzeugelektrode geführte Fluid kann sich zudem von dem an deren Außenfläche vorbeiströ¬ menden Fluid unterscheiden.
In weiterer Ausbildung der Erfindung ist das Fasermateri¬ al der Faserwerkzeugelektrode in ein Trägermaterial ein¬ gebettet, das vorzugsweise aus Keramik, Kunststoff, Glas bzw. Glasfasern besteht oder zwei oder mehrere von diesen umfasst, eingebettet ist. Dadurch können über die Länge der Faserwerkzeugelektrode in Querschnittsform und/oder - große und/oder Fasermaterial unterschiedliche, getrennte Faserbereiche miteinander verbunden werden und Werkzeug- bereiche mit unterschiedlichen Eigenschaften geschaffen werden.
In vorteilhafter Ausgestaltung der Erfindung kann die Fa¬ serwerkzeugelektrode auch aus einer Mehrzahl parallel ausgerichteter und mechanisch lagefixierter Fasern beste¬ hen, um parallele Strukturen, beispielsweise für miniatu- risierte Wärmetauscher und dgl . zu schneiden.
In weiterer Ausbildung der Erfindung sind die Werkzeug¬ halter, zwischen denen die Faserwerkzeugelektrode aufge¬ spannt ist, jeweils mit einer Schwingeinheit und/oder mit einer Rotationseinheit verbunden, um eine Schwingbewegung und/oder eine Rotation der Faserwerkzeugelektrode um bzw. senkrecht zu deren Längsachse zu bewirken. Das obere und/oder das untere Befestigungsmittel (Werkzeughalter, Werkzeugführungskopf) ) für die Faserwerkzeugelektrode sind in der jeweiligen Schwingeinheit in Führungen ange¬ ordnet, die in u- und v-Richtung verlaufen, und können unabhängig voneinander in u- und v-Richtung verstellt werden, um konische Schnitte zu erzeugen. Darüber hinaus kann das Werkstück auf einem in Richtung der Längsachse der Faserwerkzeugelektrode schwingfähigen Arbeitstisch befestigt sein, um dem Schneidvorgang auch in dieser Richtung eine Schwingbewegung zu überlagern.
In Ausgestaltung der Erfindung ist die mit der Faserwerk- zeugelektrode verbundene Strom-/Spannungsquelle an einen Impulsgeber angeschlossen, um der Faserwerkzeugelektrode einen ImpulsStrom bzw. eine ImpulsSpannung aufzuprägen.
Ein Ausführungsbeispiel der Erfindung wird anhand der Zeichnung, in deren einziger Figur eine Vorrichtung zur elektrochemischen Herstellung von langen schmalen Kanälen in einem Werkstück mittels einer aus Kohlefasern beste¬ henden Werkzeugelektrode schematisch dargestellt ist, nä¬ her erläutert.
Die Vorrichtung umfasst ein Maschinengestell 1 mit im Ab¬ stand einander gegenüberliegenden Schwingeinheiten 2, 3 sowie an diesen angebrachten Werkzeughaltern 4, 5 zum Einspannen der aus einer Kohlenstofffaser bestehenden Fa- serwerkzeugelektrode 6. Die Faserwerkzeugelektrode 6 steht unter Zugspannung und kann verschiedene Quer¬ schnittsformen (rund, quadratisch, dreieckig usw.) auf¬ weisen und insbesondere auch hohl ausgebildet sein. Der oberen Schwingeinheit 2 ist ein an einen Zuführungskanal 7 angeschlossener Düsenkörper 8 zugeordnet, über den eine Elektrolytlösung an die Außenflächen und gegebenenfalls in den Hohlraum der Faserwerkzeugelektrode 6 geleitet wird. Die Befestigungsmittel 4 und 5 für die Faserwerk¬ zeugelektrode β sind abdichtend in Führungen (nicht dar- gestellt) in der oberen und der unteren Schwingeinheit 2, 3 unabhängig voneinander in u- und v-Richtung verstellbar angeordnet, um die Faserwerkzeugelektrode 6 bei der Her¬ stellung eines Kanals in einem vorgegebenen Winkel an¬ stellen und dadurch in dem Werkstück 9 konische Schnitte erzeugen zu können. Das Werkstück 9 ist auf einem Ar¬ beitstisch (nicht dargestellt) befestigt, der entspre¬ chend dem gewünschten Verlauf des Kanals der in dem Werk¬ stück 9 erzeugt werden soll, in X- und/oder Y-Richtung horizontal bewegbar ist. Außerdem kann über das Spannsys- tem des Arbeitstisches auch eine vertikale Schwingbewe¬ gung des Werkstücks 9 erzeugt werden. Da die Schwingein¬ heiten 2, 3 in der Lage sind, eine horizontale Schwingbe¬ wegung in X- und/oder Y-Richtung auszuführen, kann der Vorschubbewegung der Faserwerkzeugelektrode β eine belie- bige Schwingbewegung überlagert werden. Während der Vor¬ schubbewegung des Werkstücks 9 (Arbeitstisches) wird mit¬ tels dem Düsenkörper 8 ein ständiger Elektrolytrom im Ar¬ beitsspalt entlang der Außenfläche der Faserwerkzeugelek¬ trode 6 erzeugt, um einerseits die elektrolytische Abtra- gung und den Abtransport des vom Werkstück 9 abgelösten Materials und andererseits auch eine Kühlung der Faser-
werkzeugelektrode 6 zu bewirken. Darüber hinaus kann auch der Innenraum der Faserwerkzeugelektrode 6 von dem Elek¬ trolyten durchströmt werden, um eine bessere Kühlung zu erreichen. In der Wand der als Röhre ausgeführten Faser- werkstoffelektrode 6 können an bestimmten Stellen auch Elektrolytaustrittsöffnungen 10 vorgesehen sein, um be¬ stimmte Arbeitsspaltbereiche gezielt mit Elektrolyt zu versorgen. Dadurch können insbesondere bei unterschiedli¬ chem Auflösungsvermögen des Werkstückmaterials die Spül- bedingungen verbessert oder durch einen auf bestimmte Ka¬ nalbereichen begrenzten Materialabtrag auch Hinterschnei- düngen erzeugt werden.
Die Erfindung ist nicht auf die zuvor am Beispiel einer röhrenförmigen Faserwerkzeugelektrode aus Kohlenstoff be¬ schriebene Ausführungsvariante beschränkt. Vielmehr ist eine Vielzahl von Modifikationen in Bezug auf das Faser¬ material der Faserwerkzeugelektrode, die Verbindung der Fasern oder die Beschichtung oder das Oberflächenprofil der Faserwerkzeugelektrode möglich.
Bezugszeichenliste
1 Maschinengestell 2 Obere Schwingeinheit 3 Untere Schwingeinheit 4 Oberer Werkzeughalter/Werkzeugführungskopf 5 Unterer Werkzeughalter/Werkzeugführungskopf 6 Faserwerkzeugelektrode 7 Zuführungskanal 8 Düsenkörper 9 Werkstück 10 Elektrolytaustrittsöffnung