Beschreibung
Verfahren zur Herstellung eines Bauteils aus einem Eisen- Mangan-Stahlblech
Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Herstellung eines Bauteils aus einem Eisen-Mangan-Stahlblech.
Eisen-Mangan-Stähle sind Leichtbaustähle, die eine hohe Fe- stigkeit und gleichzeitig eine hohe Dehnbarkeit aufweisen können. Dies macht Eisen-Mangan-Stähle zu einem Werkstoff mit großem Potential im Fahrzeugbau. Eine hohe Werkstofffestig- keit ermöglicht eine Reduzierung des Karosseriegewichts, wo¬ durch der Kraftstoff erbrauch gesenkt werden kann. Eine hohe Dehnungsfähigkeit und Stabilität der Stähle ist sowohl für die Herstellung der Karosserieteile durch Tiefziehprozesse als auch für deren Crash-Verhalten von Bedeutung. Beispielsweise müssen Struktur und/oder Sicherheitsteile wie z.B.
Türaufprallträger, A- und B-Säulen, Stoßfänger oder Längs- und Querträger komplexe Bauteilgeometrien realisieren und gleichzeitig die Gewichtsziele und Sicherheitsanforderungen erreichen können.
Es ist bereits bekannt, Karosseriebauteile aus Eisen-Mangan- Stahlblech durch Kaltumformung herzustellen. Die Kaltumformung führt jedoch durch Kaltverfestigung in umgeformten Bereichen zu einer Verminderung der Verformbarkeit und somit zu einer Reduzierung des Energieabsorptionspotentials im Bela¬ stungsfall (Crash) . Solche durch die Kaltverfestigung bewirk- ten inhomogenen mechanischen Bauteileigenschaften können dazu führen, dass das Bauteil die Sicherheitsanforderungen nicht erreicht. Weitere Nachteile der Kaltumformtechnik bestehen darin, dass sie das Risiko der verzögerten Rissbildung durch Wasserstoffversprödung erhöht, das umgeformte Teil ein deut- liches Rückfederungsverhalten (sogenannter „spring back"-
Effekt) zeigt und kalt umgeformte Bauteile eine unzureichende numerische Simulierbarkeit des Bauteilverhaltens im Bela¬ stungsfall aufweisen. Die Warmumformung bietet eine bekannte Alternative zum
Kaltumformverfahren. Übliche Warmumformprozesse werden bei hohen Temperaturen von etwa 900 °C oder darüber ausgeführt. Das Warmumformen vermindert sowohl die Rückfederung des umgeformten Bauteils als auch die Kaltverfestigung in umgeformten Bereichen. Somit lassen sich mit der Warmumformtechnik komplexe Tiefziehteile ohne nennenswerte Rückfederung in einem Zug herstellen. Nachteilig bei der Warmumformung sind jedoch die hohen Prozesstemperaturen und die durch das Warmumformen bewirkte, Werkstoffabhängige Verminderung der Festigkeit des Bauteils nach dem Abkühlprozess .
Um die Festigkeitsverminderung zu vermeiden, wird die Warmumformung häufig mit der Härtetechnik kombiniert. Diese beruht auf der bekannten Möglichkeit der Festigungssteigerung von Stahlwerkstoffen durch Martensit-Bildung . Beim Härten wird durch eine Erwärmung des Bauteils auf die sogenannte Härte¬ temperatur oberhalb Ac3 ein austenitisches Gefüge erzeugt, das anschließend durch schnelles Abkühlen vollständig in Mar- tensit umgewandelt wird. Bedingung für die vollständige Mar- tensit-Umwandlung ist dabei, dass eine kritische Abkühlge¬ schwindigkeit überschritten wird. Hierfür bedarf es gekühlter Presswerkzeuge, die durch Kontakt der heißen Werkstückoberfläche mit der kalten Werkzeugoberfläche eine ausreichend schnelle Abkühlung des Werkstückes ermöglichen.
Eine der Erfindung zugrunde liegende Aufgabenstellung kann darin gesehen werden, ein Verfahren zur Verfügung zu stellen, mit dem kostengünstig die Herstellung umgeformter Bauteile aus Eisen-Mangan-Stahlblech mit guten mechanischen Eigen- schaffen ermöglicht wird. Insbesondere soll das Verfahren die
Herstellung von umgeformten Blechwerkstücken mit komplexer Bauteilgeometrie und günstigen Materialeigenschaften auch in umgeformten Bauteilbereichen erlauben. Die der Erfindung zugrunde liegende Aufgabenstellung wird durch die Merkmale des Anspruchs 1 gelöst. Vorteilhafte Aus¬ gestaltungen und Weiterbildungen sind in den abhängigen Ansprüchen angegeben. Es wird ein Verfahren zur Herstellung einer Bauteils aus einem Eisen-Mangan-Stahlblech zur Verfügung gestellt, bei welchem ein Blechwerkstück in einem Formwerkzeug kalt umgeformt wird, das umgeformte Bleckwerkstück auf eine Temperatur zwischen 500°C und 700°C erwärmt wird und das erwärmte
Blechwerkstück in einem Kalibrierwerkzeug kalibriert wird. Durch das Kalibrieren des umgeformten Blechwerkstückes bei den angegebenen, erhöhten Temperaturen kann erreicht werden, dass eine bei der Kaltumformung eingetretene Kaltverfestigung in den umgeformten Bereichen wieder abgebaut wird. Insbeson- dere kann dadurch eine Homogenisierung der mechanischen Eigenschaften über das gesamte Bauteil erreicht werden. Weitere Vorteile des erfindungsgemäßen Verfahrens sind darin zu se¬ hen, dass durch das Kalibrieren des erwärmten Bauteils sowohl das Risiko der verzögerten Rissbildung durch Wasserstoffver- sprödung als auch die Rückfederung des Bauteils nach der Entnahme aus dem Kalibrierwerkzeug wesentlich reduziert sind.
Es wird darauf hingewiesen, dass bei den genannten Temperatu¬ ren die Austenitisierungstemperatur Ac3 nicht überschritten wird, d.h. dass beim Erwärmen keine Umwandlung des Werkstück- gefüges in ein vollständig austenitisches Gefüge auftritt.
Der Grad des Abbaus der Kaltverfestigung in den umgeformten Bauteilbereichen kann durch die Wahl der Temperatur gesteuert werden. Bei hohen Temperaturen kann die Festigkeit der umge-
formten Bereiche sogar unter die Festigkeit in nicht oder we¬ niger stark umgeformten Bereichen abgesenkt werden. Um einen zu starken Abbau der Kaltverfestigung zu vermeiden, kann eine Temperatur zwischen 600°C und 680°C vorteilhaft sein. Zum Er- wärmen des umgeformten Blechwerkstückes auf die beim Kali¬ brieren benötigte erhöhte Temperatur kann das umgeformte Blechwerkstück in einem Ofen erwärmt und nach der Erwärmung in das Kalibrierwerkzeug eingelegt werden. Denkbar ist auch, dass die Erwärmung des Blechwerkstückes direkt im Kalibrier- Werkzeug stattfindet. In beiden Fällen kann die Anfangstempe¬ ratur beim Kalibrieren ebenfalls in dem angegebenen Bereich zwischen 500°C und 700°C liegen. Beim Kalibrieren findet dann eine Abkühlung des umgeformten Blechwerkstücks in einem gehaltenen bzw. fixierten Zustand statt.
Die Verweildauer des Blechwerkstückes in dem Ofen kann so ge¬ wählt werden, dass eine homogene Durchwärmung des Blechwerkstückes gewährleistet wird, wobei zu berücksichtigen ist, dass mit zunehmender Dicke des Blechwerkstückes typischerwei- se eine Verlängerung der Zeitdauer für den Aufwärmvorgang zu veranschlagen ist.
Im Kalibrierwerkzeug wird eine rasche Abkühlung des
Blechwerkstückes im gehaltenen Zustand vorgenommen. Da bei der Abkühlung keine wie beim sogenannten Presshärten erforderliche Gefügeumwandlung vom Austenit-Gefüge in das Marten- sit-Gefüge bewirkt werden muss, muss nicht die aus dem Press¬ härten bekannte kritische minimale Abkühlrate eingehalten werden, d.h. die Abkühlgeschwindigkeit in dem Kalibrierwerk- zeug kann nach anderen Gesichtspunkten (beispielsweise Taktzeiten, Betriebskosten, Werkzeugskosten, etc.) festgelegt werden .
Für den Abbau der Kaltverfestigung in umgeformten Abschnitten des Blechwerkstückes ist die Erwärmungstemperatur des umge-
formten Blechwerkstückes von Bedeutung. In einem Ausführungs¬ beispiel kann diese so eingestellt werden, dass die Kaltver¬ festigung in umgeformten Abschnitten des (umgeformten)
Blechwerkstückes durch die Kalibrierung um mindestens 70%, insbesondere mindestens 80%, abgebaut wird.
Gemäß einem weiteren Ausführungsbeispiel kann die Erwär¬ mungstemperatur des Blechwerkstückes so eingestellt werden, dass das kalibrierte Blechwerkstück über seine gesamte Geome- trie eine maximale Schwankungsbreite der Zugfestigkeit von
20%, insbesondere 10%, aufweist. Mit anderen Worten ist eine weitgehende Homogenisierung der mechanischen Bauteileigenschaften in Bezug auf die Zugfestigkeit erreichbar. Die Erfindung wird nachfolgend anhand der Beschreibung unter Bezugnahme auf die Zeichnungen in beispielhafter Weise näher erläutert. In den Zeichnungen zeigen:
Fig. 1 eine schematische Darstellung einer Abfolge von
Verfahrensschritten nach einem Ausführungsbeispiel der Erfindung; und
Fig. 2 ein Schaubild, in welchem die Härte eines umgeformten Bauteils gegenüber einer Distanz vom Umformort aufgetragen ist.
Im Folgenden werden Ausführungsbeispiele für ein Herstel¬ lungsverfahren eines Bauteils aus Eisen-Mangan-Stahlblech beschrieben. Bei dem Bauteil kann es sich beispielsweise um ein Karosseriebauteil für den Fahrzeugbau handeln. Das Karosse¬ riebauteil kann eine komplexe Bauteilgeometrie aufweisen. Es kann sich um ein Struktur- und/oder Sicherheitsteil handeln, das gegebenenfalls besondere Sicherheitsanforderungen im Be¬ lastungsfall (Crash) genügen muss. Beispielsweise kann es sich bei dem Bauteil um eine A- oder B-Säule, einen Seiten-
aufprallschut zträger in Türen, einen Schweller, ein Rahmenteil, ein Stoßstangenfänger, ein Querträger für Boden und Dach oder um einen vorderen oder hinteren Längsträger handeln .
Das Bauteil besteht aus einem Eisen-Mangan (FeMn) -Stahl . FeMn- Bauteile sind im Fahrzeugbau bekannt und können einen Mangan¬ gehalt von etwa 12 bis 35 Gew% aufweisen. Verwendbar sind beispielsweise TWIP-, TRIP/TWIP- und TRIPLEX-Stähle sowie Mischformen dieser Stähle.
TWIP-Stähle (TWining Induced Plasticity) sind Austenit- Stähle. Sie zeichnen sich durch einen hohen Mangangehalt (z.B. über 25%) und relativ hohe Legierungszusätze von Alumi- nium und Silizium aus. Bei plastischer Kaltverformung findet eine intensive Zwillingsbildung statt, der den Stahl verfestigt. TWIP-Stähle weisen eine hohe Bruchdehnung auf. Sie eignen sich deshalb besonders zur Herstellung von Strukturoder Sicherheitsteilen in unfallrelevanten Bereichen der Ka- rosserie.
TRIP/TWIP-Stähle sind Kombinationen aus TWIP- uns TRIP- Stählen (TRansformation Induced Plasticity) . TRIP-Stähle be¬ stehen im Wesentlichen aus mehreren Phasen von Eisen- Kohlenstoff-Legierungen, nämlich Ferrit, Bainit und kohlen- stoffreichem Rest-Austenit . Der TRIP-Effekt basiert auf der Verformungs-induzierten Umwandlung des Rest-Austenits in die hochfeste martensitische Phase (CC-Martensit ) . Bei TRIP/TWIP- Stählen tritt ein doppelter TRIP-Effekt auf, da das austeni- tische Gefüge zunächst in das hexagonale und dann in das ku¬ bisch raumzentrierte Martensit gewandelt wird. Aufgrund der zwei martensitischen Umwandlungen weisen TRIP/TWIP-Stähle eine doppelte Dehnungsreserve auf.
TRIPLEX-Stähle bestehen aus einem mehrphasigen Gefüge aus 0C- Ferrit und γ-Austenit-Mischkristallen mit einer martensiti- schen s-Phase und/oder K-Phase. Sie weisen eine gute Umform- barkeit auf.
Ferner können Kombinationen der genannten Stähle bei Ausführungsbeispielen der Erfindung zum Einsatz kommen. Die beispielhafte Aufzählung der oben genannten Stähle ist nicht ab¬ schließend, andere FeMn-Stähle können für die Erfindung eben- falls eingesetzt werden.
Fig. 1 zeigt in schematischer Weise ein Ausführungsbeispiel eines erfindungsgemäßen Verfahrens, wobei auch optionale Ver¬ fahrensschritte dargestellt sind. Ausgangspunkt des Verfah- rensablaufs ist ein Coil 1 aus Bandstahl, wie es beispiels¬ weise in einem Stahlwerk hergestellt und an einen Kunden (z.B. Fahrzeughersteller oder Zulieferer) ausgeliefert wird. Bei dem FeMn-Bandstahl kann es sich beispielsweise um einen kaltgewalzten und geglühten Stahl handeln. Es ist jedoch auch möglich, einen warmgewalzten Stahl einzusetzen. Der Herstel- lungsprozess des FeMn-Bandstahls im Stahlwerk sollte so aus¬ gestaltet sein, dass eine gute Kaltumformbarkeit des Stahls gewährleistet ist. Der Bandstahl wird dann z.B. beim Fahrzeughersteller oder Zulieferer in FeMn-Platinen 2 geschnitten. Das Schneiden erfolgt in einer Schneidestation.
Eine oder mehrere Platinen 2 werden dann in ein Kaltumform- Werkzeug 3 eingelegt und kalt umgeformt. Die Temperaturen im Kaltumformwerkzeug können im üblichen Bereich, z.B. bei ca. 70°C bis 80°C liegen. Öfen werden zur Realisierung dieser Temperaturen nicht verwendet. Die Verweildauer des Werkstücks in dem Kaltumformwerkzeug 3 ist typischerweise ohne wesentli- chen Einfluss auf die Werkstückeigenschaften.
Bei der Kaltumformung werden in Abhängigkeit von der Bauteilgeometrie lokal unterschiedliche Festigkeiten erzielt. Je größer der lokale Umformungsgrad ist, um so höher liegt der entsprechende Festigkeitswert. Dieser Effekt wird auch als Kaltverfestigung bezeichnet. Es können starke Kaltverfesti¬ gungen bis zu etwa 1800 MPa auftreten. Die Zugfestigkeit des
Ausgangsmaterials (Platine 2) kann z.B. etwa bei Rm ~ 1100
MPa liegen, die Dehngrenze z.B. Rp0.2 ~ 600 MPa betragen und die Bruchdehnung A des Ausgangsmaterials kann z.B. 40% oder mehr betragen (A > 40%) . Beim Kaltumformen kann der Rückfederung Rechnung getragen werden und das Werkstück über sein endgültiges Geometriemaß hinaus umgeformt werden. Dies ist aufgrund der nachfolgenden Prozessschritte jedoch nicht zwin- gend erforderlich. Das Kaltumformwerkzeug 3 kann in Form ei¬ ner TiefZiehpresse realisiert sein.
Ferner ist es möglich, dass in dem Kaltumformwerkzeug 3 gleichzeitig ein Beschnitt des Werkstückes vorgenommen wird. Bei diesem Beschnitt kann es sich um den Endbeschnitt des
Bauteils handeln. Ferner können gegebenenfalls erforderliche Ausstanzungen bzw. die Erzeugung eines Lochbildes im Kaltumformwerkzeug 3 vorgenommen werden. D.h., nach dem Kaltumformschritt kann bereits ein Bauteil mit vollständig fertigge- stellter Bauteilform in Bezug auf materialentfernende Prozes¬ se vorliegen.
Es ist auch möglich, dass materialentfernende Prozesse
(Beschnitt, Lochbilderzeugung etc.) in einer Schneidstraße (nicht dargestellt) vorgenommen werden, die außerhalb und hinter dem Kaltumformwerkzeug 3 (welches sich in der soge¬ nannten Pressenstraße befindet) angeordnet ist. Auch in die¬ sem Fall kann nach dem Beschnitt bzw. der Lochbilderzeugung in Bezug auf materialentfernende Prozesse bereits das Endbau- teil vorliegen.
Das kalt umgeformte und gegebenenfalls beschnittene Werkstück wird anschließend einem Ofen 4 zugeführt und dort auf eine Temperatur zwischen 500 °C und 700 °C erwärmt. Die Erwärmung sollte solange durchgeführt werden, dass das Bauteil homogen auf eine einheitliche Temperatur (T = 500°C - 700°C) gebracht wird. Mit Erreichen der einheitlichen Temperatur kann es für eine gewisse Zeit auf dieser Temperatur gehalten werden. Beispielsweise kann die Verweildauer im Ofen 10 min betragen, wobei 5 min für das Erreichen der homogenen Temperaturvertei¬ lung und die weiteren 5 min für das Halten des Bauteils bei dieser homogenen Temperatur verwendet werden. Da mit der Temperaturerhöhung jedoch keine für die Bauteileigenschaften ausschlaggebende Gefügeumwandlung verbunden ist, sollte der Erwärmungsschritt auch ohne Haltezeit durchführbar sein. Es ist möglich, dass die Ofentemperatur deutlich höher als die gewünschte Zieltemperatur T = 500°C - 700°C des Werkstückes liegt und die Werkstücktemperatur über die Verweildauer im Ofen 4 gesteuert wird.
Als Ofen 4 kann ein Strahlungsofen eingesetzt werden oder es können Öfen vorgesehen sein, die dem Werkstück auf andere Weise Energie zuführen. Beispielsweise können eine konvektive Erwärmung, eine induktive Erwärmung oder eine Infrarot- Erwärmung sowie Kombinationen der genannten Mechanismen verwendet werden.
Das auf die Zieltemperatur zwischen 500°C und 700°C erwärmte, umgeformte Werkstück wird dann aus dem Ofen 4 entnommen, in ein Kalibrierwerkzeug 5 eingelegt und dort in der gewünschten Form fixiert und abgekühlt. Die Temperatur des Werkstücks beim Beginn des Kalibriervorgangs kann auch niedriger sein als die Temperatur des Werkstücks bei der Entnahme aus dem Ofen, sie kann insbesondere zwischen 400°C und 700°C liegen. Bei dem Kalibrierwerkzeug 5 kann es sich beispielsweise um
eine Kalibrierpresse handeln. Das Kalibrieren gewährleistet die Maßhaltigkeit des Werkstückes. Die Oberflächengeometrie der Pressflächen des Werkzeugs entspricht der Endform der Werkstücks oder ist sehr endformnah, da durch die Kalibrie- rung in dem Kalibrierwerkzeug die Rückfederung deutlich reduziert wird. Durch das Halten des Werkstücks im Kalibrierwerkzeug in der gewünschten Form wird somit dem Werkstück die Endform verliehen. Die Abkühlung des Werkstücks erfolgt in dem Kalibrierwerkzeug 5 bei fixiertem Werkstück, d.h. bei Anlage der Werkstückoberflächen an den Werkzeugoberflächen. Die Wärmeabfuhr erfolgt über das Werkzeug. Die Abkühlgeschwindigkeit kann z.B. unge¬ fähr 30°C/s betragen, dürfte jedoch unkritisch sein, da an- ders als beim Presshärten keine kritische Abkühlgeschwindig¬ keit überschritten werden muss. Beispielsweise kann die Ab¬ kühlgeschwindigkeit kleiner als 50°C/s sein, was ohne größe¬ ren werkzeugtechnischen Aufwand erreichbar ist und in vielen Fällen ausreichend kurze Taktzeiten ermöglicht. Höhere Ab- kühlraten, beispielsweise im Bereich von 50°C/s bis 150°C/s, sind ebenfalls möglich. Das Kalibrierwerkzeug 5 kann eine Kühleinrichtung (z.B. Wasserkühlung) aufweisen. Durch die Erwärmung und das nachfolgende „gehaltene" Abkühlen des Werk¬ stücks in fixierter Werkstückgeometrie wird die in den Berei- chen starker Dehnung erzielte Kaltverfestigung abgebaut, d.h. verringert, egalisiert oder gegebenenfalls sogar überkompen¬ siert, wie dies noch später im Zusammenhang mit Fig. 2 erläutert wird. Die Temperatur des erwärmten Werkstücks zu Beginn der Kalibrierung kann ebenfalls den angegebenen Bereich von T = 500°C bis 700°C oder nur geringfügig darunter betragen. Dies kann dadurch gewährleistet werden, dass der Transportweg zwischen dem Ofen 4 und dem Kalibrierwerkzeug 5 kurz ist und/oder dass das erwärmte Werkstück auf dem Transportweg zwischen dem Ofen
4 und dem Kalibrierwerkzeug 5 z.B. durch Wärmestrahlung erwärmt bzw. warmgehalten wird. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Ofen 4 und das Kalibrierwerkzeug 5 in ein und der¬ selben Pressenstation zu verwirklichen, d.h. ein Kalibrier- Werkzeug 5 vorzusehen, welches mit einem Ofen gekoppelt ist.
Die anhand Fig. 1 beschriebenen Ausführungsbeispiele der Er¬ findung können in vielfacher Hinsicht modifiziert und weitergebildet werden. Beispielsweise können beschichtete FeMn- Stähle für das Verfahren eingesetzt werden. Das Blechwerkstück kann mit einer organischen und/oder anorganischen oder metallischen Beschichtung, insbesondere einer Legierung auf Basis von Zink oder Aluminium, beschichtet werden. Die Beschichtung kann vor dem Kaltumformen oder zu einem anderen Zeitpunkt, z.B. nach dem Kalibrieren, vorgenommen werden.
Ein kathodischer Korrosionsschutz wird beispielsweise durch eine Verzinkung bewirkt. Die Beschichtung kann elektrolytisch oder durch ein Schmelztauchverfahren vor dem Kaltumform- schritt 3 (z.B. am schon beim Stahlhersteller am Coil 1) oder auch nach dem Kaltumformschritt 3 und vor der Erwärmung im Ofen 4 vorgenommen werden. Durch die Wärmebehandlung vor oder während des Kalibrierens bildet sich bei einer Zn-Beschich- tung eine Mischkristallschicht zwischen dem FeMn-Stahl und der Zn-Beschichtung aus, die für eine gute Haftung der Zn- Schicht auf dem Bauteil sorgt. Es ist auch möglich, die Be¬ schichtung (z.B. Verzinkung) erst am fertigen Bauteil, d.h. nach dem Kalibrieren in dem Kalibrierwerkzeug 5 vorzunehmen. Fig. 2 bezieht sich auf weitere Ausführungsbeispiele des an¬ hand Fig. 1 beispielhaft erläuterten Verfahrens und illu¬ striert den Abbau der Kaltverfestigung in Abhängigkeit von der beim Erwärmen erreichten Werkstücktemperatur. Dargestellt ist die Vickershärte Hv in Abhängigkeit von der Entfernung von dem Ort der Umformung. Verwendet wurde eine Platine 2,
die aus einem kaltgewalzten, geglühten FeMn-Bandstahl geschnitten wurde. Die Platine 2 wies eine Zugfestigkeit Rm ~ 1100 MPa auf, die der Zugfestigkeit des Bandstahls entsprach. Die Bruchdehnung betrug A = 60%. Aus mehreren Platinen 2 wur- den mittels eines Kaltumformwerkzeugs 3 mehrere identische
Näpfchen tiefgezogen, deren Durchmesser D = 50 mm betrug. Die Näpfchen wurden dann in einem Ofen 4 auf die unterschiedlichen Temperaturen T = 500°C, 600°C, 650°C und 700°C erwärmt. Die Verweildauer im Ofen 4 betrug jeweils 10 min, sodass eine vollständige und homogene Durchwärmung der Näpfchen gewährleistet war. Unmittelbar anschließend und mit im wesentlichen derselben Temperatur T wurden die heißen Näpfchen in einem Kalibrierwerkzeug 5 in der Endform fixiert und dort abge¬ kühlt. Die Abkühlgeschwindigkeit betrug bei diesem Beispiel etwa 30°C/s.
Die Vickershärte Hv kann als Maß für die Zugfestigkeit Rm verwendet werden, wobei der Umrechnungsfaktor etwa 3,1 beträgt, d.h. eine Vickershärte Hv = 350 entspricht etwa einer Zugfestigkeit Rm ~ 1100 MPa des Ausgangsmaterials, siehe Be¬ zugszeichen 6. Fig. 2 zeigt für das kaltgezogene, nicht er¬ wärmte Näpfchen eine Kaltverfestigung im Bereich von
Rm = 1600 MPa (entspricht Hv = 520), siehe Bezugszeichen 7, die im Bauteil zu stark inhomogenen mechanischen Eigenschaf- ten führt. Außerdem wird das Risiko der verzögerten Rissbil¬ dung durch Wasserstoffversprödung erhöht, da dieses insbesondere dort auftritt, wo beim Kaltumformen ein hoher Kaltverfe¬ stigungsgradient beobachtet wird. Die erfindungsgemäße Warmkalibrierung führt zur Verringerung der Kaltverfestigung in den Näpfchen. Bei einer Temperatur T = 500°C beträgt die Zugfestigkeit in der Nähe des Umformor¬ tes noch Rm = 1490 MPa (Hv = 480), bei T = 600°C ist die ma¬ ximale Kaltverfestigung bereits auf Rm = 1330 MPa (Hv = 430)
gesunken, T = 650°C führt nahezu zu einer Egalisierung der mechanischen Eigenschaften (Rm = 1120 MPa, entspricht Hv = 360) in umgeformten und nicht umgeformten Abschnitten des Bauteils, und bei T = 700°C ergibt sich eine Überkompensati- on, d.h. die Werkstückfestigkeit im umformungsnahen Abschnitt beträgt Rm ~ 870 MPa (Hv = 280) und liegt damit signifikant unter der Zugfestigkeit in Abschnitten des Werkstücks
(Näpfchen), die nicht oder nur geringfügig umgeformt wurden. Aus Fig. 2 ist erkennbar, dass durch die Wahl einer geeigneten Temperatur T für die Warmkalibrierung die Kaltverfestigung im umformungsnahen Bereich eines Bauteils gezielt beeinflussbar und nach Wunsch auf einen bestimmten Wert abbaubar ist. Beispielsweise können homogene mechanische Eigenschaften in Bezug auf die Zugfestigkeit mit einer Schwankungsbreite von weniger als 20% oder sogar 10% bezogen auf umgeformte und nicht umgeformte Abschnitte des Bauteils erreicht werden. Auch ist es möglich, die Kaltverfestigung z.B. um 70% oder 80% abzubauen. Fig. 2 verdeutlicht, dass durch die Wärmebe- handlung und die Warmkalibrierung nur die durch Kaltverfestigung bewirkten erhöhten Festigkeitswerte beeinflusst und ab¬ gebaut werden, während sich die mechanischen Eigenschaften in den übrigen Abschnitten des Werkstücks, die keiner Umformung unterzogen werden, kaum ändern. D.h. mit anderen Worten, es kann erreicht werden, dass ein Bauteil mit komplexer Bauteil¬ geometrie über seine gesamte Erstreckung homogene mechanische Eigenschaften aufweist oder dass es an Umformungsorten gezielt erhöhte oder erniedrigte Festigkeiten im Vergleich zu nicht umgeformten Abschnitten erlangt.