Verfahren zur Erzeugung von Zellwolle mit Einzelfäden verschiedener Feinheiten. Die Naturwolle ist bekanntlich in ihrer Struktur nicht so einheitlich wie die künst lichen Fasern. Insbesondere bestehen bei der Naturwolle Unterschiede im Titer, d. h. in der Dicke der einzelnen Wollhaare. Die Dickenschwankungen liegen teils innerhalb des Wollhaares selbst, indem dasselbe an der Wurzel dicker ist als an der Spitze, teils unterscheiden sich die Wollhaare in ihrer Dicke unter sich, je nach Rasse der Schafe, Ernährung und Wachstum derselben. Mit der verschiedenen Dicke der Wollhaare ändert auch ihre Steifheit.
Diese Unterschiede innerhalb der Natur wolle geben jedoch dem Warenbild auch einen besonderen Charakter. Es ist die Kunst des Kammgarn- oder Streichgarnspinners, verschiedene Wollqualitäten so zu mischen und die einzelnen Anteile so zu bemessen, da,ss für die verschiedenen Stoffqualitäten ihre charakteristischen Eigenarten. entstehen. Diese charakterlichen Besonderheiten haften im allgemeinen den Kunstfasern nicht an. Bereits seit der Entstehung von Kunstfasern, insbesondere dort, wo es sich um wollähn liche Kunstfasern handelt, war man bestrebt, auch ein ähnliches Warenbild wie mit Natur wolle zu erzielen. Zu diesem Zwecke hat man zum Beispiel Fasern verschiedener Glanz effekte erzeugt.
Ausserdem wurden die Kunstfasern in ihrer Kräuselung, d. h. in der Bogigkeit, beeinflusst. Neuerdings ist man sogar in der Lage, die Oberfläche der Kunst fasern so zu beeinflussen, dass ähnliche Schuppenstrukturen entstehen wie bei der Naturwolle. Um die Ähnlichkeit des Waren bildes mit Naturwolle noch zu vervollstKn- digen, ist man dazu übergegangen, Kunst fasern verschiedener Feinheiten und Sorten innig zu mischen, um aus dieser Mischung ein Garn zu spinnen.
Die Mischung solcher Kunstfaserprodukte kann heute praktisch je doch nur in. der Flocke geschehen. Die An teile der einzelnen .Sorten bezw. Feinheiten lassen sich dabei genau berechnen, und die Mischung der Fasern kann bis zur Erzeu gung des fertigen Garnes noch so intensiv gemacht werden, dass im allgemeinen keine Ansammlung von Gruppen gröberer oder fei nerer Fasern entstehen.
Diese Arbeitsmethode hat nun aber ver schiedene Nachteile, ganz abgesehen von der Komplikation und Verteuerung solcher Dis positionen.
Es wurde nun gefunden, dass man auf eine andere, einfachere und wirtschaftlichere Art zum Ziele, d. h. Zellwolle mit Einzel fasern verschiedener Feinheit in ein und demselben Garnquerschnitt, gelangen kann, und zwar indem man bereits während des Spinnprozesses des Kunstfadens, und zwar auf ein und derselben Maschine, bewusst und gleichzeitig Fädchen verschiedener Feinheit herstellt und sie dann auf Zellwolle weiter verarbeitet. Dadurch entfällt nicht nur die schwierige Mischoperation, sondern die gleichmässige Verteilung der gewünschten Anteile gröberer und feinerer Fasern ist bereits an der Stelle der Faserentstehung ge schehen.
Man hat es nach diesem Verfahren auch genau in der Hand, den Anteil der dicken, mittleren und feineren Fasern im voraus genau zu bestimmen, unter Anleh nung an die bisherigen Erfahrungen beim Mischen von Naturwollfasern.
Zur Ausführung der Erfindung kann man zum Beispiel so vorgehen, dass man Düsenfaserbündel mit verschiedenem Titer herstellt, derart, dass die Faserbündel sich untereinander durch den Titer der Fädchen unterscheiden, jedoch die Fädchen des ein zelnen Faserbündels gleiche Titer aufweisen. In diesem Falle haben die innerhalb einer Spinndüse erzeugten Einzelfädchen alle die gleiche Feinheit, aber in den verschiedenen Düsen einer Spinnmaschine werden Einzel fädchen mit jeweils anderem, d. h. gröberem oder feinerem Titer gesponnen. Dabei erhält man auch ein Spinnkabel mit Einzelfädchen verschiedener Feinheit.
Beim Zusammenfas sen der einzelnen Düsenfadenbündel ist nun darauf zu achten, dass die Gruppen verschie dener Feinheiten in einer bestimmten Rei henfolge dem Spinnkabel zulaufen. Will man zum Beispiel ein Garn haben mit je 20 Ge wichtsprozent Einzelfasern vom Titer 3, 6, 10, 15 und 20 Den., so sind je 5 Düsen oder ein Vielfaches von 5 mit den entsprechenden Kapillarlichtweiten 0.06, 0.085, 0.110, 0.135, 0.175 mm systematisch abwechselnd neben einander zu montieren. Hat eine Maschine bezw. Maschinenseite total 100 Spinnstellen (Düsen), so kann das 5-Düsensystem zum Beispiel zwanzigmal wiederholt werden.
In diesem Sinne lassen sich jedoch auch irgend welche andern Gewichts- und Titerverhält- nisse kombinieren, so dass pro Maschine bezw. Maschinenseite Fädchen verschiedener Feinheiten im Spinnkabel zusammenlaufen. Wird ein solches Kabel zu Flocken geschnit ten, so kann auch ein Vorgarn oder Fertig garn mit Fasern verschiedener Feinheiten er zeugt werden.
Zu einer etwas besseren Verteilung der Einzelfasern verschiedener Dicken im Garn kann man kommen, wenn man den Zusam menlauf der Düsenfaserbündel zum Spinn kabel nicht dem Zufall überlässt, sondern wenn man jedes Düsenfaserbündel genau in der gewünschten bestimmten Reihenfolge neben das benachbarte legt, so dass alle Bün del einer Maschine oder Maschinenseite ein flaches, papierbahnähnliches Band liefern. Die Bündel lässt man zweckmässig durch einen Präzisionskamm mit enger Teilung laufen, um dann das so gebildete flache Band durch mechanische Vorrichtungen zu kräu seln und aufzuwickeln. Man kann dabei flache Bänder mit verschiedenen Lfm-Ge- wichten herstellen.
Wichtig ist dabei nur, dass die Fasergruppen verschiedener Feinhei ten in dem Band systematisch verteilt lie ben, damit, wenn dieses flache Band zu Spinnband oder Vorgarn verarbeitet wird, die Feinheitenverteilung einigermassen ge wahrt bleibt.
Sehr vorteilhaft ist es, wenn man im Spinnprozess des Kunstfadens bereits inner halb ein und derselben Düse Fädchen mit verschiedenem Einzeltiter herstellt, derart, dass das einzelne Faserbündel aus Fädchen verschiedener Feinheit besteht. In diesem Falle verwendet man Spinndüsen, bei wel chen in den einzelnen Lochkreisen Kapillar öffnungen verschiedener Lichtweite gebohrt werden. Es ist zum Beispiel zweckmässig, bei den Spinndüsen die äussern Lochkreise, d. h.
diejenigen am Rand des Düsenbodens, mit grösseren Kapillaren zu versehen und gegen die Mitte des Bodens die mittleren und fei neren Kapillarbohrungen anzubringen. Durcb diese systematische Stellung der Kapillar bohrungen zueinander ist die homogene Ver teilung der gröberen und feineren Einzelfäd chen im Fadenbündel restlos erfüllt. Bei ge wissen Spinnverfahren kann es auch zweck mässig sein, die feinen gapillarbohrungen am äussern Rand des Bodens und die gröberen gegen die Mitte zu anzubringen, oder man kann auch die verschieden weiten Bohrungen unregelmässig in die Düse verteilen.
Der Titerunterschied ist ungefähr propor tional dem Querschnitt, d. h. der Fläche der einzelnen Kapillarbohrung.
Will man zum Beispiel ein Kunstfaser garn haben, welches aus je 20 Gewichtspro zent Fasern mit 3, 6, 10, 15 und 25 Den. zusammengesetzt ist, und werden diese Fä den mit Zellwolldüsen von zum Beispiel 500 Löchern hergestellt, so haben die Titer- gruppen der Düsen folgende Lochzahlen und $apillarlichtweiten von 236/0.06, 118/0.085, 71/0.110, 47/0.135 und 28 Löcher/0.175 mm QJ. Es ist zweckmässig, insbesondere für das An spinnen einer solchen Zellwolldüse,
wenn die Entfernung der gapillarbohrungen grösserer Lichtweite zueinander ebenfalls weiter ist als bei den mittleren und feineren Kapillar- Bohrungen.
Mit diesem Verfahren lassen sich selbst verständlich alle möglichen Varianten hin sichtlich der Einzelfadenstärke und des An teils der betreffenden Fadenstärke zusam menstellen. Dadurch hat man es in der Hand, den Charakter des Garns und des Waren bildes, insbesondere aber den Griff der Ware weitgehend zu beeinflussen. Durch die Verschiedenartigkeit der Dicke und damit zwangsläufig die Verschieden artigkeit der Erstarrung der Einzelfäden beim Spinnprozess ist, je nach dem ange wandten Verfahren,
eine leicht unterschied liche Anfärbung der Einzelfasern sowie unterschiedliche Oberflächengestaltung und Steifheit festzustellen. Das Warenbild kann damit noch weiter beeinflusst oder mit Effek ten durchsetzt werden. Es sind also nach dem vorliegenden Verfahren noch Effekte zu er zielen, die über den Rahmen der bisherigen, mit Naturfasern erzielten, hinausgehen.
Die so hergestellten Düsenfaserbündel können natürlich auf jede beliebige Art, bis zum fertigen Zellwollgarn und den verschie denen Zwischenstufen, weiter verarbeitet werden. Man kann daraus sowohl durch Kräuseln und Schneiden Stapelfasern (Flok- ken) herstellen, oder man kann die Faser bündel nach dem Kräuseln durch Schneiden und Formen, zum Beispiel durch Zusammen rollen und Verdichten, direkt in einem Ar beitsgang, ohne Verzugsoperation, bis zu einem gestapelten Vorgarn oder zu andern Zwischenstufen, wie zum Beispiel zu einem Spinnband oder zu einer Spinnlunte,. weiter verarbeiten.
Alle diese Gebilde bestehen aus Zellwolle mit Einzelfasern verschiedener Feinheit, deren verschiedene Feinheit aus dem Spinnprozess stammt.
Besondere Bedeutung kommt dem vorlie genden Verfahren dann. zu, wenn man die Zellwolle nicht als Flocke, sondern in der Form von Spinnband oder Spinnlunte er zeugen will. Beim Spinnband oder der Spinn lunte geht man darauf aus, mit möglichst wenig Operationen von der Spinndüse bis zum webefertigen, gestapelten Garn zu kom men. Bei dieser Art der Zellwollgarnerzeu- gung ist es ganz unmöglich, Fäden verschie dener Einzeltiter und Sorten homogen zu mischen.
Hierzu bietet das vorstehende Ver fahren allein die Möglichkeit, zu den ge wünschten Anteilen gröberer und feinerer Einzelfäden im Garn zu kommen und damit ein Warenbild wie aus Naturfasern zu er- halten. Man ist also nach dem vorliegenden Verfahren in der Lage, selbst bei Anwen dung der modernsten Technik der Kunst fasergarnerzeugung- den besonderen Charak ter der Naturfasergarne zu erzielen.