Siliciumpolyazide und Verfahren zu ihrer Herstellung
Besehreibung
Die Erfindung betrifft Siliciumpolyazide der allgemeinen Formel (I) (K+) n [L2-nSi (N3) 4+n] (n)" wobei n die Werte 0 oder 2 annimmt, L für N-Heterocyclen, K für Alkalimetalle, NH4 oder ER4 steht, wobei E N, P, As oder Sb und
R n- oder iso-Alkylgruppen oder Phenylgruppen repräsentieren, und Verfahren zu ihrer Herstellung.
Siliciumtetraazid ist bekannt. Es wird hergestellt durch Umsetzung von Siliciumtetrachlorid mit beispielsweise Natriumazid. Hierbei findet die Reaktion in einem wasserfreien organischen Lösungsmittel wie z. B. Benzen statt. Im Ergebnis der Umsetzung entsteht ein hydrolyseempfindliches, hochexplosives Produkt.
Die Weiterverarbeitung von Siliciumtetraazid scheitert häu¬ fig an der schwierigen Handhabung, bei der die Hydrolyse- Empfindlichkeit und die explosiven Eigenschaften zu aufwendigen Verarbeitungsbedingungen führen.
Der vorteilhafte hohe Stickstoffgehalt von Siliciumtetraazid ist deshalb nur unter einschränkenden, die Wirtschaft- lichkeit ungünstig beeinflussenden Bedingungen nutzbar.
Darüber hinaus sind weitere, Azid-Gruppen enthaltende Verbindungen bekannt.
So werden von J. S. Thayer in Organometallic Chemistry Re- views 1 (1966), S. 157-178, Siliciumazide beschrieben, die die allgemeine Struktur RnSi (N3) (3-n) aufweisen. R steht hierbei für Alkyl- bzw. für Phenyl-Gruppen und n = 1, 2 o- der 3.
Der Gesamtstickstoffgehalt dieser Verbindungen ist geringer als in Siliciumtetraazid und zudem enthalten sie Si-C- Bindungen, so dass diese Verbindungen für eine wirtschaftliche Weiterverwertung, beispielsweise zur Niedrigtemperatur-Synthese von Siliciumnitrid oder Silicium und zur Frei- setzung großer, heißer Gasmengen nicht geeignet erscheinen.
Der Erfindung liegt demnach die Aufgabe zu Grunde, Siliciumpolyazide sowie Verfahren zu ihrer Herstellung anzugeben, die thermische Instabilität sowie die Schocksensitivität von chemischen Verbindungen aus der Stoffklasse der Siliciumpolyazide mit hohen Stickstoffgehalten zu vermindern oder zu beseitigen um so eine wirtschaftliche Herstellung und Verwendung dieser Verbindungen zu ermöglichen.
Die Lösung der Aufgabe erfolgt mit den Merkmalen der Ansprüche 1, 8 und 18.
So sind die erfindungsgemäßen Siliciumpolyazide durch die folgende allgemeine Formel gekennzeichnet:
(n)-
(K+)n[L2-nSi(N3)4+n] ( i ;
wobei n die Werte 0 oder 2 annimmt, L für N-Heterocyclen, Diamine oder Polyether,
K für Alkalimetalle, NH4 oder ER4 steht, wobei
E N, P, As oder Sb und
R n- oder iso-Alkylgruppen oder Phenylgruppen repräsentieren.
Ein Verfahren zur Herstellung der Verbindung mit der allgemeinen Formel (I) ist dadurch gekennzeichnet, dass Siliciumtetrachlorid in Gegenwart von einem Lösungsmittel zunächst mit einer Verbindung der allgemeinen Formel
K' (N3) (II)
wobei
K' ein Kation, insbesondere ein Alkalimetallion, Ammo- nium-, ein substituiertes Ammonium- oder Phosphoni- um-Ion ist, umgesetzt wird und danach mit ein- oder mehrzähnigen, neutralen oder basisch anionischen Liganden L versetzt wird, wobei L für N-Heterocyclen (wie Pyridine, 2, 2 ' -Bipyridine,
2, 2 ' -Bipyrimidine) , Diamine oder Polyether steht.
Ein weiteres Verfahren zur Herstellung von Verbindungen der allgemeinen Formel (I) ist dadurch gekennzeichnet, dass Si- liciumtetrachlorid mit Verbindungen der allgemeinen Formel
(ER4) + (N3)~ (HD
direkt zu I umgesetzt wird, wobei
E N, P, As oder Sb und
R n- oder iso-Alkylgruppen oder Phenylgruppen repräsentieren und die Alkylgruppen 1 bis 5 C-Atome aufweisen.
Vorteilhafte Weiterbildungen der erfindungsgemäßen Siliciumpolyazide sind in den Unteransprüchen angegeben.
So sind in Ausgestaltungen der neuen Siliciumpolyazide als N-Heterocyclen Pyridine, 2, 2 ' -Bipyridine und 2,2'-Bi- pyrimidine vorgesehen.
Die Pyridine weisen in 2-, 3- oder 4-Stellung n- oder iso- Alkylgruppen oder Phenylgruppen auf.
In weiteren Ausführungen der Erfindung weisen die 2,2'- Bipyridine Alkylgruppen in 4,4'- oder 5, 5 ' -Stellung und die 2, 2 ' -Bipyrimidine in 4,4'- oder 5,5'- oder 6, 6 ' -Stellung n- oder iso-Alkylgruppen oder Phenylgruppen auf.
In einer weiteren vorteilhaften Ausgestaltung sind als Dia- mine Ethylendiamine oder N- (n- oder iso-) alkylierte Ethy- lendiamine vorgesehen.
Alle Alkylgruppen besitzen 1 bis 5 C-Atome.
In einer Weiterbildung des Verfahrens gemäß Anspruch 8 wer- den für die als K' vorgesehenen substituierten Ammonium- Ionen alkyl-substituierte Ammonium-Ionen eingesetzt, wobei Kohlenstoffgehalte von Ci bis C4 vorgesehen sind. Für die substituierten Phosphonium-Ionen werden insbesondere me- thyl- oder phenyl-substituierte Phosphonium-Ionen vorteil- haft eingesetzt.
Für die als Ligand L vorgesehenen N-Heterocyclen werden in einer weiteren Ausgestaltung der Erfindung Pyridine, 2,2'- Bipyridine und 2, 2 ' -Bipyrimidine eingesetzt. Für den Reak- tionsablauf als sehr vorteilhaft haben sich hier solche Pyridine herausgestellt, die in 2-, 3- oder 4-Stellung n- oder iso-Alkylgruppen oder -Phenylgruppen aufweisen. Bei den 2, 2 ' -Bipyridinen werden insbesondere solche eingesetzt,
die in 4,4'- oder 5, 5 ' -Stellung n- oder iso-Alkylgruppen oder -Phenylgruppen aufweisen, und als 2, 2 ' -Bipyrimidine solche eingesetzt werden, die in 4,4'-, 5,5'- oder 6,6'- Stellung n- oder iso-Alkylgruppen oder -Phenylgruppen aufweisen. Für weitere Liganden L stehen für die Diamine Ethylendiami- ne oder N- (n- oder iso-) alkylierte Ethylendiamine, während als Polyether insbesondere 1, 2-Dimethoxyethan eingesetzt wird.
In einer weiteren Ausgestaltung werden als alkyl- substituierte N-Heterocyclen solche eingesetzt, die Alkylgruppen mit 1 bis 5 C-Atomen aufweisen.
Weitere Ausgestaltungen der Verfahren der Herstellung der Siliciumpolyazide beziehen sich auf die Reaktionsparameter.
Die Umsetzungen werden bei Temperaturen zwischen -30 °C und +40°C durchgeführt.
Zweckmäßig ist es, dass die Umsetzungen in einem aproti- sehen, polaren Lösungsmittel durchgeführt werden, wobei diese in einem aprotisch polaren anorganischen Lösungsmittel, wie S02 bei Normaldruck unter -10°C und C02 bei 35 bar unter -20°C, oder in einem aprotisch polaren organischen Lösungsmittel, wie Acetonitril, Propionitril, Diethylether, Benzol, Toluol, durchgeführt werden.
Wichtig ist, dass die Reaktion bei Abwesenheit von Wasser und Sauerstoff erfolgt.
Erfindungsgemäß wird die Verbindung der allgemeinen Formel (I) als Quelle zur Freisetzung von Siliciumtetraazid eingesetzt .
Das Siliciumtetraazid kann durch Erwärmung der Verbindung (I) wieder freigesetzt werden und damit zur Bildung großer heißer Gasmengen dienen. Hierbei muss die Verbindung (I) auf 200 bis 400°C bei Normaldruck oder im Vakuum erwärmt werden.
Weiterhin ist es erfindungsgemäß möglich, das Siliciumtetraazid, das aus der Verbindung (I) freisetzbar ist, zur Herstellung von Siliciumnitrid- und Silicium-Abscheidungen zu verwenden.
Die Erfindung wird im Folgenden anhand eines Ausführungs- beispieles näher erläutert.
Ausführungsbeispiel 1
Versuchsbedingungen: Die während der Synthese eingesetzten Ausgangsstoffe und Lösungsmittel müssen absolut wasser- und Sauerstofffrei sein. Dies wird bei den Flüssigkeiten durch eingeführte Standardverfahren und zusätzlich durch Umkon- densation und Pump-Evakuier-Zyklen erreicht. Alle Operationen zur Synthese werden unter Zuhilfenahme eines Schutzgases (Argon oder Stickstoff) , ausgeheizter Pyrex-Glasgefäße und eines Spatels mit Teflon-Überzug ausgeführt. Filtriert wird durch Glasfaser-Filter.
Als Lösungsmittel wird ca. 15 ml Acetonitril verwendet. In einer Lösung von 0.1 ml HCl-freiem SiCl4 (0.8 mmol) wird unter Eiskühlung eine Lösung von 3.47 g des Azid-Salzes (N(PPh3)2) (N3) (6 mmol) im geringfügigen stöchiometrischen Überschuss gegeben. Die Eiskühlung wird dann entfernt, das Reaktionsgemisch 4 Stunden gerührt und anschließend eine schwache Trübung abfiltriert. Das klare Filtrat engt man
bei Eiskühlung ein, bis Kristallisation einsetzt und bewahrt die Suspension 12 Stunden bei -28 °C auf, dekantiert die überstehende Lösung, wäscht den Rückstand mit kaltem Acetonitril und trocknet ihn 30 min im Vakuum. Nach ein- bis dreimaliger Wiederholung der Umkristallisation in Ace- tonitril liegen farblose, luftempfindliche Kristalle vor in einer Ausbeute von 62% bis 37% bezogen auf SiCl4. Die Kristalle sind unter Luft-und Feuchtigkeitsausschluss monatelang ohne jegliches Anzeichen von Zersetzung bei -28°C lagerbar. Sie sind nicht reibungsempfindlich und schmelzen unzersetzt bei 220 °C. Das Produkt wurde durch IR-, Raman- und NMR-Spektroskopie, durch die Elementaranalyse sowie mittels Röntgen-Einkristallstrukturanalyse identifiziert als (N (PPh3)2) 2 [Si (N3) 6] , Summenformel C72H6oN2oPSi .
Ausführungsbeispiel 2
Das erfindungsgemäße Siliziumpolyazid (N (PPh3) 2) 2 [Si (N3) 6] wird in einer Hochvakuumapparatur aus Glas und Edelstahl vorgelegt und nach Anlegen von Hochvakuum (p < 1-10-3 mbar) mit 30 K/min auf die Zersetzungstemperatur von 320°C erwärmt. Die hierbei freigesetzten Gase wurden massenspektro- metrisch nach Elektronstoßionisation (EI-MS) analysiert und Si(N3)4 durch sein Molekülion (m/z = 196), dessen Isotopo- mere (m/z = 197, 198, 199), sowie durch das Auftreten von Fragmenten inklusive richtigem Isotopenverteilungsmuster zweifelsfrei nachgewiesen. Darüber hinaus zeigt die thermische Analyse von (N (PPh3) 2) 2 [Si (N3) 6] (TG-DTA) (Heizge- schwindigkeit 10 K/min, Trägergas Argon) gekoppelt mit mas- senspektrometrischem Nachweis der entstehenden Gase die Freisetzung von Si(N3)4 bei der Zersetzung ab 321°C.
Ein weiteres Ausführungsbeispiel der Erfindung sei im folgenden erläutert.
Ausführungsbeispiel 3.
Versuchsbedingungen wie unter Ausführungsbeispiel 1. Zu- sätzlich wurde 2, 2 ' -Bipyridin sublimiert und NaN3 24 h im Hochvakuum bei 110 °C entgast.
Zu einer Suspension von NaN3 (1.03 g, 15.8 mmol) in ca. 40 ml Acetonitril pipettiert man HCl-freies SiCl4 (0.25 ml, 2.1 mmol) bei RT. Das weiße Reaktionsgemisch wird 24 Stunden gerührt und anschließend von dem suspendierten Feststoff (640 mg) abfiltriert. Das klare, farblose Filtrat enthält das Hexaazidosilicat-Salz Na (2 [Si (N3) 6] , welches in Lösung anhand eines Infrarotspektren-Vergleichs mit (N (PPh3) 2) 2 [Si (N3) 6] nachweisbar ist. Bei -55°C gibt man unter Rühren zu dieser Lösung kristallines 2, 2 ' -Bipyridin und entfernt danach die Kühlung. Während des langsamen Erwärmens der Reaktionsmischung lösen sich die Kristalle des 2, 2 ' -Bipyridins allmählich auf unter Entstehung einer abso- lut klaren und farblosen Lösung. Ab ca. -10°C tritt erstmals eine Trübung auf, die sich bis zum Erreichen der Umgebungstemperatur schnell verstärkt. Nach 0.5 Stunden filtriert man den ausgefallenen Stoff ab (257 mg) und engt das klare farblose Filtrat auf ca. 0.5 ml ein, wobei Kristalli- sation eintritt. Nach Vervollständigung der Kristallisation bei -28 °C über mehrere Stunden, Filtration und Trocknung im Vakuum wird der isolierte Stoff zunächst in Tetrahydrofuran und danach in Acetonitril umkristallisiert durch Abkühlung von bei Raumtemperatur gesättigten Lösungen. Die Ausbeute nach der Umkristallisation aus Tetrahydrofuran liegt bei 81%, nach der Umkristallisation aus Acetonitril bei 60%. Die Angaben beziehen sich jeweils auf SiCl4. Auf diese Weise werden 453 mg farbloser, in dicker Schicht schwach rose erscheinender, luftempfindlicher kleiner Einkristalle von [ (2,2'-bipy)Si (N3)4] erhalten.
Die Verbindung wurde durch IR- und NMR-Spektroskopie, Elementaranalyse, Massenspektrometrie, thermische Analyse und Röntgen-Einkristallstrukturanalyse identifiziert . Die Verbindung schmilzt bei 211-212°C unter Sublimation und ohne Zersetzung, wie durch IR- und NMR-Spektren-Vergleich mit einer authentischen Probe nachgewiesen wurde. Die Erwärmung des Stoffes auf noch höhere Temperatur führt zur Detonation. Die Elementaranalyse ergab die Werte C, 34.23%; H, 2.46%; N, 55.64% (berechnet für Cι0H8Nι4Si, 352.36 g-rnol"1: C, 34.09%; H, 2.29%; N, 55.65%). Außerdem enthielt die Analysenprobe kein Chlor. Massenspektrometrisch wurden im positiven Ionenstrom hauptsächlich die Ionen [SiNι2]+ und [Cι0H8N2]+ registriert.