Verfahren und Vorrichtungen zur Bearbeitung einzelner biologischer Zellen
Die Erfindung betrifft Verfahren zur Bearbeitung einer biolo¬ gischen Zelle mit den Merkmalen des Oberbegriffs von Anspruch 1. Des Weiteren betrifft die Erfindung Vorrichtungen zur Durchführung derartiger Verfahren und deren Verwendungen.
Aus der Zellbiologie sind mehrere Verfahren zur invasiven Ma¬ nipulation biologischer Zellen bekannt. Beispielsweise ist bei der Einführung einer Elektrodenspitze in eine Zellmembran für die "patch clamp"-Technik oder bei der Einführung einer Kanüle in die Zelle zur Entnahme von Kernmaterial eine Unter- brechung der Zellmembran und/oder ein Eindringen in das Zell¬ plasma erforderlich. Diese Techniken haben generell den Nach¬ teil, dass mit dem invasiven Eingriff in die Zelle eine Un¬ terbrechung im molekularen Verbund mindestens der Zellmembran verursacht wird, in deren Ergebnis nach der jeweiligen Mani- pulation die Zelle in der Regel nicht mehr lebensfähig ist. Um dennoch die Lebensfähigkeit zu erhalten, dürfen mit den herkömmlichen Techniken nur minimale Verletzungen der Zell¬ membran gebildet werden (zum Beispiel im Mikrometer-Bereich oder darunter) . Dies stellt jedoch eine erhebliche Limitie- rung in der Anwendbarkeit der herkömmlichen Techniken dar.
Eine weitere invasive Zellmanipulation stellt die Fusion bio¬ logischer Zellen dar. Zur Durchführung einer Fusion werden die Zellmembranen benachbarter Zellen chemisch (z. B. durch ' bestimmte Substanzen oder mit Viren) oder elektrisch (z. B. mit einem Hochspannungspuls) unterbrochen und so neu ver¬ schmolzen oder ausgeheilt, dass Zellbestandteile der einzel¬ nen Zellen in einer gemeinsamen, geschlossenen Zellmembran enthalten ist. Die herkömmlichen Fusionstechniken besitzen
den Nachteil, 'dass eine exakte und definierte Zellfusion zwi¬ schen zwei vorbestimmten Zellen nicht verfügbar ist. Bisher ist es erforderlich, zur Zellfusion eine Vielzahl von Zellen der jeweiligen chemischen oder elektrischen Behandlung auszu- setzen und dann aus den behandelten Zellen die gewünschten Fusionsprodukte auszusortieren. Dabei können jedoch Fehlbe¬ handlungen oder unerwünschte Mehrfachfusionen (z. B. Drei¬ zeil- oder Vierzellfusionen) auftreten. Dies ist jedoch mit einem erheblichen Verlust an ggf. seltenen oder wertvollen Zellen verbunden.
Aus WO 2004/074426 ist ein Verfahren zur schonenden Bearbei¬ tung von Zellmaterial mit einer Vielzahl von biologischen Zellen bekannt, bei dem eine Sonde so durch das Zellmaterial bewegt wird, dass die Zellen von der Sonde verdrängt werden. Durch die in WO 2004/.074426 beschriebene Steuerung der Sonde werden Verletzungen der Zellen vermieden. Invasive Eingriffe in die Zellen, hingegen sind bei dieser Technik nicht vorgese¬ hen.
Die Aufgabe der Erfindung ist' es, verbesserte Verfahren zur Bearbeitung biologischer Zellen, insbesondere von einzelnen Zellen, Zellpaaren oder Zellgruppen bereitzustellen, mit de¬ nen die Nachteile der herkömmlichen Techniken überwunden wer- den können und die sich insbesondere durch einen schonenden Umgang mit dem Zellmaterial, eine hohe Zuverlässigkeit und Genauigkeit und eine hohe Ausbeute auszeichnen. Die Aufgabe der Erfindung ist es auch, verbesserte Vorrichtungen zur Um¬ setzung derartiger Verfahren bereitzustellen.
Diese Aufgaben werden mit Verfahren und Vorrichtungen mit den Merkmalen der Patentansprüche 1 und 17 gelöst. Vorteilhafte Ausführungsformen und Anwendungen der Erfindung ergeben sich aus den abhängigen Ansprüchen.
Verfahrensbezogen basiert die Erfindung auf der allgemeinen technischen Lehre, zur Bearbeitung einer biologischen Zelle mit einer Zellmembran, die insbesondere Zytoplasma und ein Zytoskelett umhüllt, die Zelle und ein Werkzeug relativ zu¬ einander zu bewegen und durch eine Einwirkung des Werkzeugs die Zellmembran der Zelle zu unterbrechen, wobei sich während der Relativbewegung des Werkzeugs und der Zelle deren Zy¬ toskelett in einem stabilen Gleichgewicht befindet. Vorteil- hafterweise wird mit dem erfindungsgemäßen Verfahren ein in¬ vasiver Eingriff in die Zelle realisiert, während sich das Zytoskelett mechanisch in einem Zustand befindet, in dem es im wesentlichen frei von äußeren mechanischen Spannungen ist und in dem die strukturelle und funktionelle Beziehung zwi- sehen der Zellmembran und inneren Zellbestandteilen und die Funktionsfähigkeit der inneren Zellbestandteile erhalten bleiben. Des weiteren befindet sich auch die Zellmembran wäh¬ rend der Bewegung des Werkzeugs in dem stabilen Gleichge¬ wicht. Während und nach dem invasiven Eingriff in die Zelle bleibt die Fähigkeit zum Stoffwechsel und damit die Lebensfä¬ higkeit der Zelle oder wenigstens eines Teils der Zelle er¬ halten.
Die Relativbewegung des Werkzeugs und der Zelle erfolgt der- art langsam, dass sich das Zytoskelett und die Zellmembran, die laufend einem molekularen ümordnungsprozess unterliegen, zu jedem Zeitpunkt an die geometrischen Bedingungen anpassen können, die durch die Oberfläche des Werkzeugs, insbesondere einer Arbeitsfläche des Werkzeugs, gegeben sind. Die Kompo- nenten des Zytoskeletts, das insbesondere Filamente der Pro¬ teine Aktin und Tubolin und das Protein Myosin enthält und den Zellkern und die übrigen Zellbestandteile relativ zuein¬ ander hält, haben während der Werkzeugbewegung ausreichend Zeit für eine Neuordnung auf der Zellmembran und/oder der Ar-
beitsflache des Werkzeugs. Das erfindungsgemäße Verfahren er¬ möglicht daher vorteilhafterweise, dass während einer Zellbe¬ arbeitung die Zelle durch die Zellmembran oder die Arbeits¬ fläche des Werkzeugs geschlossen bleibt. Es wird ein invasi- ver Eingriff in die Zelle ermöglicht, ohne dass große, schäd¬ liche oder irreversible Zellöffnungen entstehen.
Die Erfinder haben festgestellt, dass einzelne adhärente Zel¬ len, obwohl diese grundsätzlich durch ihre Eigenbewegung langsamen Einwirkungen äußerer Sonden ausweichen können (sie¬ he WO 2004/074426) , durch ein langsam bewegtes Werkzeug bis zu einer Unterbrechung der Zellmembran deformiert werden kön¬ nen und dabei überraschenderweise lebensfähig bleiben. Von besonderem Vorteil ist es, dass die bearbeitete Zelle während des gesamten Zeitraums der Manipulation gegenüber der Umwelt abgeschlossen bleibt.
Als Unterbrechung der Zellmembran wird hier allgemein jede Störung des molekularen Verbundes der insbesondere aus Phospholipiden und Proteinen aufgebauten Membran verstanden, bei der Moleküle, die zunächst in der intakten Membran be¬ nachbart angeordnet waren, durch die äußere Einwirkung des Werkzeugs voneinander getrennt werden. Die Unterbrechung der Zellmembran ergibt eine Öffnung der Zellmembran, an der die inneren Zellbestandteile mit der Arbeitsfläche des Werkzeugs oder anderen Materialien in der Zellumgebung, wie zum Bei¬ spiel anderen Zellen oder Zellbestandteilen oder anderen Sub¬ stanzen in Kontakt gelangt.
Mit der Relativbewegung des Werkzeugs und der Zelle wird hier jede Ortsänderung des Werkzeugs und/oder der Zelle bezeich¬ net, die zu einer Änderung der Relativkoordinaten des Werk¬ zeugs und der Zelle führt. Da das erfindungsgemäße Verfahren vorzugsweise außerhalb des Körpers eines Organismus durchge-
führt wird und die zu bearbeitende Zelle vorzugsweise adhä- rent auf einem Substrat angeordnet ist, wird die Relativbewe¬ gung durch wenigstens eine der folgenden Bewegungen erreicht: Bewegung des Werkzeugs, Bewegung der Zelle, insbesondere mit dem Substrat, und Bewegung von beiden Teilen. Die Bewegung des Werkzeugs kann insbesondere zusätzlich zu der gewünschten Verdrängungs- und Deformationsbewegung hin zu der Zelle mit einer Nachführungsbewegung überlagert sein, mit der eine Ei¬ genbewegung des Zelle auf dem Substrat kompensiert wird. Wenn im folgenden in der Regel auf die Bewegung des Werkzeugs Be¬ zug genommen wird, sind alle hier genannten anderen Bewegun¬ gen, insbesondere auch des Substrates eingeschlossen.
Gemäß einer bevorzugten Ausführungsform der Erfindung erfolgt die Bewegung des Werkzeugs mit einer Geschwindigkeit, die kleiner oder gleich der Umordnungsgeschwindigkeit des Zy- toskeletts ist. Vorteilhafterweise wird damit der o. g. Gleichgewichtszustand der Zelle sichergestellt. Mit der Um¬ ordnungsgeschwindigkeit wird hier die Geschwindigkeit be- zeichnet, mit der sich Teile des Zytoskeletts, wie zum Bei¬ spiel charakteristische Filamentstrukturen aufgrund des stän¬ dig ablaufenden molekularen Umordnungsprozesses der Zelle be¬ wegen. Die Umordnungsgeschwindigkeit entspricht bspw. der Ge¬ schwindigkeit, mit der sich bei einer adhärent angeordneten Zelle ein äußerer Rand des Zytoskeletts relativ zu einem Sub¬ strat bewegt. Die Umordnungsgeschwindigkeit ist eine zellspe¬ zifische Größe, die in einem Vorversuch problemlos durch eine Messung ermittelt werden kann (siehe z. B. B. Alberts et al. in "Molekularbiologie der Zelle", Wiely VCH Verlag, Weinheim, 2004, P. Geggier et al. in "Appl. Phys . A", Bd. 68, 1999, S. 505 - 513; A. R. Bausch et al. in "Biophys. J.", Bd. 76, 1999, S. 573 - 579, T. J. Mitchison et al. in "Cell", Bd. 84, 1996, S. 371 - 379) .
Vorteile für die Einstellung der Werkzeuggeschwindigkeit kön¬ nen sich gemäß einer weiteren Ausführungsform der Erfindung ergeben, wenn die Bewegung des Werkzeugs mit einer Geschwin¬ digkeit erfolgt, die kleiner oder gleich einer Wanderungsge- schwindigkeit von adhärenten Zellen auf einer Oberfläche sind. Diese Wanderungsgeschwindigkeit kann in einem Vorver¬ such unter den konkreten Arbeitsbedingungen an der zu bear¬ beitenden Zelle ermittelt werden. Die Erfinder haben festge¬ stellt, dass die physiologische Wanderungsgeschwindigkeit der Zelle unmittelbar mit der o. g. Umordnungsgeschwindigkeit des Zytoskeletts in Zusammenhang steht und so als Bezugsgröße für die Werkzeugbewegung verwendet werden kann.
Vorzugsweise wird das Werkzeug mit einer Geschwindigkeit be- wegt, die kleiner als 500 μm/h, insbesondere kleiner als 300 um/h ist. Vorteilhafterweise sind in diesem Geschwindigkeits¬ bereich die o. g. Bedingungen für die meisten interessieren¬ den Zelltypen, wie z. B. Fibroblasten, Makrophagen oder Krebszellen erfüllt, so dass zum Beispiel auf Vorversuche o- der Tabellenwerte verzichtet werden kann.
Wenn gemäß einer weiteren bevorzugten Ausführungsform der Er¬ findung die biologische Zelle auf der festen Oberfläche eines ebenen Substrats angeordnet ist und das Werkzeug relativ zu dem Substrat bewegt wird, können sich Vorteile für die Zusam¬ menwirkung des Werkzeugs und des Substrates ergeben. Die fes¬ te Oberfläche bildet eine Auflage zur Erzeugung einer Gegen¬ kraft während der Vortriebsbewegung des Werkzeugs.
Die Vortriebsbewegung des Werkzeugs relativ zu dem Substrat umfasst vorzugsweise wenigstens eine von zwei Phasen, durch welche die Strukturbildung während und nach der erfindungsge- mäßen Zellbearbeitung positiv beeinflusst wird. In einer An¬ näherungsphase wird das Werkzeug zu dem Substrat bewegt und
die Zelle zwischen dem Werkzeug und dem Substrat deformiert und eingeschnürt. In einer Translationsphase wird das Werk¬ zeug im Wesentlichen parallel zur Oberfläche des Substrats bewegt. In dieser Phase wird die Umordnung der Zellmembran gefördert.
Die genannten Bewegungsarten entsprechend den Annäherungs¬ und Translationsphasen können erfindungsgemäß einzeln, in Kombination aufeinanderfolgend oder in Kombination gleichzei- tig realisiert werden. Beispielsweise ist bei der Bewegung gemäß der Annäherungsphase (Verminderung des Werkzeug- Substrat-Abstandes) eine Trennung der Zelle in mindestens zwei Zellkörper wie bei einem Stanzvorgang vorgesehen. Die erfindungsgemäße Zellbearbeitung kann ferner beispielsweise allein eine Bewegung des Werkzeugs parallel zur Substratober¬ fläche umfassen. Hierzu wird das Werkzeug zunächst neben der zu bearbeitenden Zelle auf der Substratoberfläche aufgesetzt. Das Werkzeug berührt beim Aufsetzen oder nach einer ersten Vorschubbewegung einen Rand der Zelle und wird dann gemäß dem Verfahren der Erfindung durch die Zelle hindurchbewegt, wobei diese- in bspw. zwei Zellkörper zerteilt •wird. Vorteilhafter¬ weise bildet die Substratoberfläche bei dieser Ausführungs¬ form der Erfindung eine Führung für die Werkzeugbewegung.
Vorzugsweise werden während der Bewegung des Werkzeugs die
Zellmembran und mit dieser Teile des Zytoplasmas und des Zy- toskeletts einer Deformation, Stauchung und/oder Dehnung un¬ terzogen. Vorteilhafterweise kann dadurch die Unterbrechung der Zellmembran mit der Bildung neuer Formen der Zelle oder Zellbestandteile nach dem invasiven Eingriff gefördert wer¬ den.
Besonders bevorzugt ist, wenn während und/oder nach dem inva¬ siven Eingriff in die Zellmembran eine Heilung der Unterbre-
chung der Zellmembran erfolgt, so dass die Zellmembran ge¬ schlossen bleibt bzw. wird. Die Heilung kann als Spontanhei¬ lung erfolgen, indem sich die Zellmembran bei ruhendem Werk¬ zeug unter der Wirkung der Oberflächenspannung schließt, oder durch eine gerichtete Bewegung des Werkzeugs gefördert wer¬ den. Vorteilhafterweise wird die Zelle durch die Heilung ge¬ schlossen und damit auch ohne den Kontakt mit der Arbeitsflä¬ che weiterhin lebensfähig.
Wenn während der Unterbrechung und der folgenden Heilung' der Zellmembran der Innenraum der Zelle von der Umgebung stoff¬ lich getrennt ist, kann eine unerwünschte oder nicht reprodu¬ zierbare Veränderung der Struktur und Funktion der Zelle, insbesondere des Stoffwechsels und des Erbmaterials "vermieden werden, wobei dies vorteilhafterweise einen positiven Ein- fluss auf die weitere Verwendung der Zelle für Kultivierungs¬ oder Messzwecke hat.
Alternativ kann erfindungsgemäß vorgesehen sein, dass während der Unterbrechung ein Fremdstoff, wie zum Beispiel ein Mar¬ kierungsstoff in die 'Zelle eingeschleust wird.
Weitere .Ausführungsformen der Erfindung zeichnen sich dadurch aus, dass das Werkzeug nach der Bearbeitung der Zelle, z. B. nach der Trennung der Zelle in mindestens zwei Zellkörper weiter in Kontakt mit der Oberfläche des Substrats bleibt. Ein zur Trennung verwendetes Werkzeug ruht auf der Substrat¬ oberfläche, so dass vorteilhafterweise eine mechanische Wand zwischen den Zellkörpern gebildet wird.
Ein für die Anwendung des erfindungsgemäßen Verfahrens in der Zellbiologie besonders wichtiges Merkmal der Erfindung be¬ steht darin, dass die Zellmembran nach der Heilung eine ande¬ re Form, Zusammensetzung und/oder Größe aufweist als vor der
Bildung der Unterbrechung. Diese Veränderungen ermöglichen, dass Untersuchungen und/oder Veränderungen an der Zelle in definierter und reproduzierbarer Weise durchgeführt werden können.
Beispielsweise kann vorgesehen sein, dass die Zelle nach der Heilung in wenigstens zwei Zellkörper getrennt ist, die je¬ weils eine topologisch geschlossene Form aufweisen. Das er¬ findungsgemäße Verfahren führt zu einer Abschnürung der ZeI- Ie, so dass die getrennten Zellkörper gebildet werden. Die
Zellkörper können als Startmaterialien für weitere Kultivie¬ rungen, Bearbeitungen oder Untersuchungen verwendet werden und bieten dabei den Vorteil, von einer gemeinsamen Vorläu¬ ferzelle abgetrennt zu sein. Besonders bevorzugt ist, wenn einer der getrennten Zellkörper kernlos ist. In diesem Fall ist der jeweils andere Zellkörper mit dem Zellkern voll le¬ bensfähig, während der kernlose Zellkörper ebenfalls Stoff¬ wechselaktivitäten zeigen kann, so lange ATP von den in die¬ sem enthaltenen Mitochondrien produziert wird. Der kernlose Zellkörper kann anschließend beispielsweise einer Untersu¬ chung unterzogen werden, um stoffliche Eigenschaften des an¬ deren Zellkörpers zu ermitteln, ohne direkt auf diesen zu¬ zugreifen.
Alternativ kann beispielsweise vorgesehen sein, dass die
Zellmembran nach der Heilung mit einer fremden Zellmembran einer weiteren biologischen Zelle mindestens einen topolo¬ gisch geschlossenen Zellkörper bildet. Vorteilhafterweise kann damit die Oberfläche der (ersten) bearbeiteten Zelle mit Stoffen oder Strukturen der Oberfläche der zweiten Zelle mo¬ difiziert werden, beispielsweise um bestimmte Antigene oder Markierungsstoffe auf der ersten Zelle zu präsentieren. Be¬ sonders bevorzugt ist hierbei die Fusion oder Paarbildung von Zellen, bei der die erste Zelle mit mindestens einer weiteren
Zelle fusioniert wird. Die erfindungsgemäße Zellfusion hat gegenüber den herkömmlichen Fusionsmethoden den besonderen Vorteil, dass die o. g. Fehlbehandlungen oder ggf. uner¬ wünschten Mehrfachfusionen vermieden werden können und ge- zielt mit praktisch 100-%iger Ausbeute selbst seltene oder besonders wertvolle Zellen, wie zum Beispiel Stammzellen, fu¬ sioniert werden können. Eine bevorzugte Anwendung der erfin¬ dungsgemäßen Zellfusion ist auch bei der Hybridomatechnik zur Herstellung monoklonaler Antikörper gegeben.
Weitere Vorteile für die Steuerbarkeit und Reproduzierbarkeit der Modifizierung der ersten Zelle mit Material von einer fremden Zelle, insbesondere bei der Zellfusion, können sich ergeben, wenn die Zellen während der Bearbeitung mit dem Werkzeug auf einem Substrat einander zumindest teilweise überlappend und insbesondere übereinander angeordnet sind.
Vorrichtungsbezogen wird die o. g. Aufgabe durch einen Zell¬ manipulator gelöst, der insbesondere ein Werkzeug zur Bear- beitung von einzelnen biologischen Zellen mit mindestens ei¬ ner Arbeitsfläche, mit der die Zellmembran der Zelle lokal selektiv deformierbar ist, und eine Antriebseinrichtung auf¬ weist, mit der das Werkzeug so bewegt werden kann, dass sich das Zytoskelett der Zelle während der Einwirkung des Werk- zeugs auf die Zelle in einem mechanisch stabilen Gleichge¬ wicht befindet. Vorteilhafterweise können mit dem Zellmanipu¬ lator genau und reproduzierbar invasive Eingriffe an der Zel¬ le entsprechend dem erfindungsgemäßen Verfahren realisiert werden.
Die Antriebseinrichtung des erfindungsgemäßen Zellmanipula¬ tors ist insbesondere für Vortriebsgeschwindigkeiten des Werkzeugs im Bereich von 0.1 um/h bis 500 μm/h eingerichtet ist. Hierzu ist vorzugsweise ein piezoelektrischer Antrieb
oder einen Magnetantrieb vorgesehen, die eine genaue Einstel¬ lung derart langsamer Werkzeugbewegungen erleichtern.
Gemäß einer bevorzugten Ausführungsform der Erfindung weist die Arbeitsfläche des Werkzeugs eine charakteristische Größe aufweist, die geringer als die Größe der Zelle, insbesondere geringer als die laterale Ausdehnung einer Zelle auf einem Substrat ist. Die charakteristische Größe ist vorzugsweise kleiner als 200 μm, insbesondere kleiner als 10 um. Mit der charakteristische Größe der Arbeitsfläche wird hier die Aus¬ dehnung der Kontaktfläche bezeichnet, die sich bei einer Be¬ rührung des Werkzeugs mit der Zelle vor der Bewegung des Werkzeugs bildet. Durch die Miniaturisierung der Arbeitsflä¬ che kann der Zellmanipulator vorteilhafterweise für die ver- schiedensten Zelltypen verwendet werden. Besonders bevorzugt weist die Arbeitsfläche des Werkzeugs eine charakteristische Größe auf, die geringer als 1 μm ist. Vorteilhafterweise kön¬ nen auch derart kleine Arbeitsflächen ausreichend stabil be¬ reitgestellt werden, da die Bewegung des Werkzeugs beim er- findungsgemäßen Verfahren im Wesentlichen kräftefrei erfolgt.
Vorteilhafterweise kann das Werkzeug und insbesondere dessen Arbeitsfläche in Abhängigkeit von der konkreten Anwendung der Erfindung optimiert werden. Gemäß einer Variante ist die Ar- beitsfläche so gebildet, dass das Werkzeug eine gerade Sei¬ tenkante aufweist, die im Betrieb parallel zur Oberfläche des Substrats ausgerichtet ist. Die Anpassung der Form der Sei¬ tenkante an die Substratoberfläche ist für eine effektive Zu¬ sammenwirkung von Werkzeug und Substrat von Vorteil. Gemäß einer alternativen Variante kann die Arbeitsfläche eine
Strukturierung mit Vorsprüngen, wie z. B. spitzenförmigen Er¬ hebungen aufweisen. Die Strukturierung an der Arbeitsfläche des Werkzeugs erleichtert eine Fixierung der Zelle auf dem Substrat während der Zellbearbeitung. Schließlich kann die
Arbeitsfläche eine komplexe Form mit mehreren Teilflächen aufweisen, die eine Zerlegung der Zelle in mehr als zwei Tei¬ le ermöglichen. Vorteilhafterweise kann die Arbeitsfläche z. B. eine Kreuzform bilden, um eine Zelle in vier Zellkörper zu zerlegen.
Wenn das Werkzeug zumindest entlang der Arbeitsfläche eine BeSchichtung trägt, die ein Anhaften von biologischen Zellen behindert, ergeben sich Vorteile für die Steuerbarkeit der Werkzeugbewegung, da durch die Beschichtung der Arbeitsfläche eigenständige Zellbewegungen der Zelle behindert werden.
Gemäß einer weiteren Modifizierung der Erfindung ist der Zellmanipulator zusätzlich mit einer Positioniereinrichtung, mit der wenigstens eine der Komponenten Antriebseinrichtung und ein Substrat mit der Zelle beweglich ist, und/oder einer Sensoreinrichtung ausgestattet, die der Erfassung der Positi¬ on des Werkzeugs und/oder der zu bearbeitenden Zelle dient.
Ein erweiterter- Anwendungsbereich des Zellmanipulators kann vorteilhafterweise erreicht werden, wenn zwei oder mehr Werk¬ zeuge vorgesehen sind, die synchron mit einer gemeinsamen An¬ triebseinrichtung oder separat mit getrennten Antriebsein- richtungen bewegt werden.
Einen unabhängigen Gegenstand der Erfindung stellt die Ver¬ wendung des erfindungsgemäßen Verfahrens oder des erfindungs¬ gemäßen Zellmanipulators zur Zellfusion dar.
Weitere bevorzugte Anwendungen der Erfindung sind bei der Di¬ agnose oder Charakterisierung einzelner Zellen, wie z. B. bei der stofflichen Analyse von Bestandteilen des Zytoplasmas o- der bei einer Analyse des genetischen Materials in der ein-
zelnen Zelle, oder bei Tests der Wechselwirkung der einzelnen Zelle mit fremden Stoffen, wie bspw. bei der Untersuchung von pharmakologischen Wirkstoffen gegeben. Für die Testanwendung ist von besonderem Vorteil, dass die zunächst einheitliche Zelle in verschiedene Teile getrennt werden kann, die jedoch auch nach der Trennung ein physiologisch homogenes System darstellen und verschiedenen Test- und Referenzstoffen ausge¬ setzt werden können.
Weitere Einzelheiten und Vorteile der Erfindung werden im Folgenden unter Bezug auf die beigefügten Zeichnungen be¬ schrieben. Es zeigen:
Figuren IA bis ID: Illustrationen von Phasen der erfindungs- gemäßen Bearbeitung einer biologischen
Zelle;|
Figuren 2A bis 2C: Illustrationen verschiedener Ausführungs¬ formen der erfindungsgemäßen Bearbeitung biologischer Zellen;
Figur 3: eine schematische Darstellung einer Aus¬ führungsform einer erfindungsgemäßen Vor¬ richtung zur Bearbeitung biologischer ZeI- len;
Figur 4: schematische Illustrationen verschiedener
Werkzeuggestaltung;
Figuren 5 bis 8: weitere Illustrationen von Ausführungsfor¬ men der erfindungs-gemäßen Bearbeitung bio¬ logischer Zellen; und
Figur 9: fotografische Abbildungen, die mehrere
Phasen einer erfindungsgemäßen Trennung einer Zelle in zwei Zellkörper zeigen.
Die Erfindung wird im Folgenden unter beispielhaftem Bezug auf bevorzugte Ausführungsformen beschrieben, welche die Ver¬ wendung eines Werkzeugs illustrieren, das als Arbeitsfläche eine keil- oder kegelstumpfförmige Schneide aufweist. Es wird betont, dass die Umsetzung der Erfindung nicht auf die ge- zeigten Beispiele beschränkt, sondern entsprechend den oben genannten Merkmalen abgewandelt auch mit anderen Werkzeugfor¬ men realisierbar ist (siehe z. B. Figur 4). Des Weiteren wird betont, dass die biologischen Zellen in den beigefügten Zeichnungen lediglich schematisch gezeigt sind und in der Praxis je nach Zelltyp andere Formen aufweisen können. Ein¬ zelheiten der herkömmlichen Techniken zur Zellkultivierung und zur Beobachtung von Zellkulturen z. B. mit einem Mikro¬ skop, werden im Einzelnen nicht beschrieben, da sie an sich bekannt sind.
Die Schrittfolge einer ersten Ausführungsform des erfindungs¬ gemäßen Verfahrens ist schematisch in den Teilbildern A bis D von Figur 1 illustriert. Gemäß Figur IA ist eine biologische Zelle 1 auf einem Substrat 20 angeordnet. Die Zelle 1 umfasst eine Zellmembran 2, die insbesondere das Zytoskelett 3 um¬ hüllt, das den Zellkern und weitere Zellbestandteile (nicht dargestellt) umhüllt. Das Substrat 20 ist bspw. ein Kultur¬ träger, z. B. aus Glas oder Kunststoff, der in einem Kultur¬ gefäß (nicht dargestellt) angeordnet oder als Teil von diesem gebildet ist. Das in schematischer Schnittansicht gezeigte
Werkzeug 10 weist die Gestalt eines Keils auf, dessen in der Figur oberer, breiter Fuß über weitere mechanische Komponen¬ ten (siehe Fig, 3) mit einer Antriebseinrichtung verbunden
ist und dessen unteres, freies Ende die Arbeitsfläche 11 zur Einwirkung auf die Zelle 1 bildet.
Bei der in Fig. 1 gezeigten Ausführungsform der Erfindung werden zunächst das Werkzeug 10 und die Zelle 1 relativ zu¬ einander so ausgerichtet, dass die Arbeitsfläche 11 des Werk¬ zeugs 10 die Zellmembran 2 von außen berührt (Fig. IA) . Diese gegenseitige Ausrichtung kann unter visueller Kontrolle in einem Mikroskop oder automatisiert z. B. mit einem optischen Sensor gesteuert werden. Anschließend wird das Werkzeug 10 mit einer Geschwindigkeit von 20 - 100 μm/h in senkrechter Richtung an das Substrat 20 angenähert, wobei die Zelle 1 de¬ formiert wird (Fig. IB) . Die Deformation führt zur Bildung einer lokalen Vertiefung der Zelloberfläche. Die zunächst in dem sich verminderten Abstand zwischen der Arbeitsfläche 11 und dem Substrat 20 angeordneten Teile der Zellmembran und inneren Zellbestandteile werden mit der fortschreitenden Be¬ wegung des Werkzeugs 10 zunehmend verdrängt. Während dieser Verdrängung befindet sich das Zytoskelett 3 in einem Gleich- gewichtszustand. Dies bedeutet, dass Filamente des Zytoske- letts 3 während der Werkzeugbewegung Verbindungen mit der Zellmembran oder gegenseitige Verbindungen freigeben und in benachbarten Bereichen, in denen keine Verdrängung erfolgt, neu knüpfen. Diese Freigabe und darauffolgend neue Bindung des Zytoskeletts (Umordnung) erfolgt im Wesentlichen mit der¬ selben Geschwindigkeit wie die natürliche Zytoskelettumord- nung. Daher ergibt die Werkzeugbewegung zunächst lediglich eine Formänderung, die jedoch von der Zelle aufgrund der ho¬ hen Formvariabilität biologischer Zellen toleriert und kom- pensiert wird.
Wenn der Abstand zwischen dem Werkzeug 10 und dem Substrat 20 im Wesentlichen der doppelten Membrandicke entspricht, kommt es zur Abschnürung zwischen den Teilen der Zelle 1 auf den
beiden Seiten des Werkzeugs 10 (Fig. IC) . Die Erfinder haben festgestellt, dass in dieser Phase der molekulare Verbund der Zellmembran 2 unterbrochen werden kann, ohne dass sich die Zelle gegenüber der Umgebung öffnet. Stattdessen führt die weitere Bewegung des Werkzeugs 10 nach der Abschnürung zu ei¬ ner Verschmelzung der sich berührenden Abschnitte der Zell¬ membran 2, bis die Arbeitsfläche 11 des Werkzeugs 10 das Sub¬ strat 20 berührt und zwei getrennte Zellkörper 4, 5 gebildet sind (Figur ID) . Beide Zellkörper 4, 5 sind von einer topolo- gisch geschlossenen Zellmembran umhüllt und jeweils lebensfä¬ hig, solange der Stoffwechsel im jeweiligen Zellkörper mit genügend Energie versorgt wird. Im weiteren Verfahren können in Abhängigkeit von der jeweiligen Anwendung an den Zellkör¬ pern 4, 5 weitere Manipulationen, Kultivierungen oder Unter- suchungen vorgenommen werden.
Figur 2 illustriert scherαatisch verschiedene Varianten inva¬ siver Eingriffe an biologischen Zellen mit dem erfindungsge¬ mäßen Verfahren. Gemäß Figur 2A ist ein Eindringen des Werk- zeugs 10, auf dessen Arbeitsfläche 11 eine chemische Substanz 13 angeordnet ist, in die Zelle 1 vorgesehen. Die chemische Substanz 13 umfasst bspw. eine Markersubstanz für Fluores¬ zenzmessungen oder ein biologisch wirksames Makromolekül, wie z. B. einen DNS-Abschnitt. Das Werkzeug 10 wird mit der Sub- stanz 13 durch die Zellmembran der Zelle 1 eingeführt und die Substanz 13 an einer gewünschten Position während einer Ruhe¬ phase des Werkzeugs 10 von diesem in das Zytoplasma abgege¬ ben. Anschließend wird das Werkzeug 10 zurückgezogen. Der Ab¬ lauf gemäß Fig. 2A kann dahingehend abgewandelt sein, dass die Substanz 13 im Zellkern 7 abgelegt oder eine Substanz aus dem Zytoplasma oder dem Zellkern mit dem Werkzeug entnommen wird.
Figur 2B zeigt einen Ablauf analog zu Fig. 1, bei dem die Zelle 1 in zwei Zellkörper 4, 5 zerteilt wird, die jeweils eine topologisch geschlossene Form aufweisen. Der Zellkörper 4 enthält den Zellkern 7, während der Zellkörper 5 kernlos ist.
Figur 2C illustriert die Entnahme einer Probe 8 von der Zelle 1. Die Probe 8 umfasst bspw. einen Abschnitt der Zellmembran und/oder Teile des Zytoskeletts oder des Zytoplasmas, die mit dem Werkzeug von der Zelle 1 abgetrennt wurden, während der lebende Zustand der Zelle 1 erhalten bleibt.
Das Prinzip der erfindungsgemäßen Fusion zwischen verschiede¬ nen Zellen 1, IA ist in Fig. 2D schematisch gezeigt. Die Zellmembranen der aneinander angrenzend angeordneten Zellen 1, IA werden mit dem erfindungsgemäßen Verfahren durch ein Werkzeug geöffnet und zu einem neuen Verbund verschmolzen, in dem ein Teil der fremden Zelle IA in der ersten Zelle 1 auf¬ genommen (Fig. 2D) oder beide komplett verschmolzen wurden.
Die Komponenten eines erfindungsgemäßen Zellmanipulators 100 sind schematisch in Fig. 3 illustriert. Das Werkzeug 10 ist über eine mechanische Komponente wie z. B. einen Trägerstab, mit der Antriebseinrichtung 30 verbunden, die zur Einstellung der langsamen Verdrängungsbewegung des Werkzeugs 10 relativ zu einer Zelle (nicht dargestellt) auf dem Substrat 20 einge¬ richtet ist. Das Substrat 20 kann ebenfalls mit einer An¬ triebseinrichtung 3OA ausgestattet sein, um einen langsamen Vortrieb relativ zum Werkzeug 10 zu bilden. Mit den An- triebseinrichtungen 30 und/oder 3OA können ferner Zellbewe¬ gungen der Zelle auf dem Substrat 20 kompensiert werden.
Das Werkzeug 10 ist mit der Antriebseinrichtung 30 in allen drei Raumrichtungen, insbesondere senkrecht zur Oberfläche
des Substrats 20 und in einer Ebene parallel zu dieser Ober¬ fläche beweglich. Hierzu kann die Antriebseinrichtung 30 meh¬ rere Einzelantriebe enthalten, die die Vortriebsbewegungen in die einzelnen Raumrichtungen bereitstellen. Die Antriebsein- richtungen 30, 3OA und/oder die Einzelantriebe sind an sich bekannte piezoelektrische Antriebe, die für die Einstellung von Relativgeschwindigkeiten unterhalb von 300 μm/h einge¬ richtet sind.
Das Substrat 20 ist bspw. ein Kulturträger aus Glas oder
Kunststoff. Auf der Oberfläche 21 des Substrats 20 kann eine strukturierte Beschichtung vorgesehen sein, die adhäsive Be¬ reiche (Inseln) , in denen Zellen bevorzugt anhaften, und nicht-adhäsive Bereiche aufweist, in denen die Zellen nicht oder mit verminderter Effektivität anhaften. Dies ermöglicht eine Bearbeitung von einer oder mehreren Zellen, während die¬ se sich auf einer adhäsiven Insel befinden. Eine Zellwande¬ rung wird durch die umgebenden nicht-adhäsiven Bereiche un¬ terbunden, so dass eine gesonderte Nachführbewegung zur Kom- pensation der Zellwanderung vermieden werden kann.
Das Werkzeug 10 und/oder das Substrat 20 sind mit einer Posi¬ tioniereinrichtung 40 relativ zueinander in allen drei Raum¬ richtungen verfahrbar. Die Positioniereinrichtung 40 ist ein an sich bekannter Stellantrieb, mit dem eine Positionierung des Werkzeugs 10 relativ zu der zu bearbeitenden Zelle be¬ reitgestellt wird.
Das Bezugszeichen 50 bezeichnet allgemein eine optische Sen- soreinrichtung zur Überwachung der Positionierung und der
Verdrängungsbewegung des Werkzeugs 10 relativ zur Zelle. Ty¬ pischerweise ist die Sensoreinrichtung 50 Teil eines Licht¬ mikroskops, in dessen Strahlengang das Werkzeug 10 und das Substrat 20 angeordnet sind.
Die Antriebseinrichtung 30 und/oder 3OA, die Positionierein¬ richtung 40 und die optische Sensoreinrichtung 50 werden mit einer Steuereinrichtung 60 überwacht und gesteuert. Die Steu- ereinrichtung 60 ist bspw. ein Mikrokontroller oder in einem Steuerrechner enthalten.
Das Bezugszeichen 70 verweist allgemein auf ein optional vor¬ gesehenes weiteres Werkzeug, das ggf. unabhängig vom Werkzeug 10 betätigt werden kann (siehe Fig. 8) .
Verschiedene Gestaltungen des Werkzeugs 10 des erfindungsge¬ mäßen Zellmanipulators sind beispielhaft in Figur 4 gezeigt. Die Teilbilder A und B illustrieren in schematischer Seiten- ansieht jeweils das Werkzeug 10 mit der Arbeitsfläche 11 mit einem geringen Abstand von der Oberfläche des Substrats 20. Gemäß Teilbild A bildet die Arbeitsfläche 11 eine gerade Sei¬ tenkante 12, die bei paralleler Ausrichtung relativ zum Sub¬ strat 20 und senkrechter Annäherungsbewegung über ihre gesam- te Länge die Oberfläche des Substrats 20 berührend auf diesem aufges-etzt werden kann.' Gemäß Teilbild B' ist die Arbeitsflä¬ che 11 strukturiert, so dass keine glatte, gerade Seitenkante wie bei Teilbild A, sondern ein Gebilde mit einer Vielzahl von spitzenförmigen Vorsprüngen gegeben ist. Die Vorsprünge formen mehrere strukturierte, z. B. bogenförmige Seitenkan- tenabschnitte 12A, unter deren Einwirkung eine Zelle durch eine Translationsbewegung parallel zur Substratoberfläche in zwei Zellkörper getrennt werden kann.
Die Werkzeuge 10 der Teilbilder A und B werden vorzugsweise bei einer kombinierten Bewegung in den o. g. Annäherungs- und Translationsphasen verwendet. Die Länge der Seitenkante 12 beträgt bspw. 0.5 mm.
Die Teilbilder C und D der Figur 4 illustrieren in schemati- scher Draufsicht zwei weitere Gestaltungen des Werkzeugs 10. Gemäß Teilbild C ist eine keilförmige Arbeitsfläche 11 vorge¬ sehen, mit der die Zelle 1 auf dem Substrat 20 bei Bewegung des Werkzeugs 10 parallel zur Substratoberfläche (Translati¬ onsphase) in zwei Zellkörper aufgetrennt werden kann. Gemäß Teilbild D umfasst das Werkzeug eine kreuzförmige Arbeitsflä¬ che 11, mit der die Zelle 1 auf dem Substrat 20 im Verlauf einer Annäherungsbewegung in vier Teile getrennt werden kann.
Die Komponente 14 illustriert jeweils schematisch ein mecha¬ nisches Bauteil (z. B. einen Trägerstab), über den das Werk¬ zeug 10 mit der Positioniereinrichtung 30 (siehe Figur 3) verbunden ist.
Die Figuren 5 bis 8 illustrieren schematisch experimentelle Ergebnisse, welche die Erfinder mit dem erfindungsgemäßen Verfahren erzielt haben. Figur 5 zeigt analog zu Fig. 1 und Fig. 2B mit weiteren Einzelheiten die Zerteilung einer Zelle 1 in zwei Zellkörper 4, 5. Gemäß Teilbild A ist eine adhären- te Zelle 1, wie sie für in vitro-Kulturen typisch ist, auf dem Substrat 20 angeordnet. Die Zelle 1 ist z. B. eine Fibroblastenzelle oder eine adhärent auf einem Substrat ange¬ ordneten Stammzelle. Das Werkzeug 10 wird in Pfeilrichtung über der Zelle 1 mit der Positioniereinriσhtung (40, siehe
Fig. 3) ausgerichtet. Das in schematischer Perspektivansicht gezeigte Werkzeug 10 ist mit einer langgezogenen Schneide mit einem ellipsenförmigen Querschnitt ausgestattet, deren Ober¬ fläche die Arbeitsfläche 11 bildet. Ein besonderer Vorteil der Erfindung ist es, dass bei zahlreichen Anwendungen die Form des Werkzeugs für die erfindungsgemäße Bearbeitung von Zellen keinen oder eine wesentlich geringere Bedeutung hat als bei den herkömmlichen Techniken mit schnellen Werkzeugbe¬ wegungen.
Die Länge der Schneide ist so gewählt, dass sich die Arbeits¬ fläche 11 über die gesamte Ausdehnung der Zelle 1 erstreckt. Die Breite der Schneide hingegen ist erheblich geringer als die Ausdehnung der adhärenten Zelle. Sie besitzt als charak¬ teristische Größe der Arbeitsfläche bspw. einen Wert von 5 um. Die Werkzeugbewegung umfasst zwei Phasen. Während der Annäherungsphase gemäß Figur 5A erfolgt die Werkzeugbewegung entlang einer Oberflächennormalen des Substrats 20 bspw. mit einer Geschwindigkeit im Bereich von 5 bis 50 μm/h. Wenn die Abschnürung der Zelle beidseitig des Werkzeugs 10 erreicht ist (Fig. 5B) , folgt die Translationsphase der Werkzeugbewe¬ gung. Während dieser Phase wird das Werkzeug 10 parallel zur Oberfläche des Substrats 20 bewegt. Die Geschwindigkeit die- ser Bewegung ist ebenfalls im Bereich von 5 bis 50 μm/h ge¬ wählt.
Nach dem Verschmelzen und Ausheilen der Zellmembranen der beiden Zellteile liegen die getrennten Zellkörper 4, 5 vor, die sich durch die eigenständige Zellwanderung sogar vonein¬ ander entfernen können (Fig. 5C) . Der Zellkörper 4 enthält den Zellkern 7 und ist mit diesem weiterhin vital, bewegungs¬ fähig und teilungsfähig. Der Zellkörper 5 kann zur Charakte¬ risierung der ursprünglichen Zelle durch eine Analyse der Membrankomponenten des Zytoplasmas, von Zellorganellen und auch von genetischem Material im Zytoplasma, wie z. B. mRNS verwendet werden. Vorteilhafterweise können die zu untersu¬ chenden Zellbestandteile quantitativ für die jeweilige Analy¬ se ausreichend ohne einen Vitalitätsverlust des kernhaltigen Zellkörpers 4 abgetrennt werden.
Figur 6 illustriert einen analogen Verfahrensverlauf wie Fig. 5, wobei in diesem Fall jedoch zwei Zellen 1, IA jeweils mit einer Zellmembran 2, 2A adhärent, sich gegenseitig überlap-
pend auf dem Substrat 20 angeordnet sind. Derartige Überlap¬ pungen erfolgen in Zellkulturen häufig spontan, bspw. wenn eine hohe Zelldichte gegeben ist, oder wenn auf der Oberflä¬ che des Substrats 20 eine sog. Feeder-Zellschicht vorhanden ist, wie es von der Kultivierungstechnik für Stammzellen be¬ kannt ist.
Gemäß Figur 6A wird das Werkzeug 10 über dem Überlappungsbe¬ reich der Zellen 1, IA positioniert, anschließend mit der o. g. Verdrängungsgeschwindigkeit abgesenkt und ggf. in einer Translationsphase parallel zur Oberfläche des Substrats 20 bewegt. Durch die invasive Einwirkung des Werkzeugs 10 werden die Zellmembranen 2, 2A der Zellen 1, IA geöffnet und bei der anschließenden Heilung mit einer entsprechend veränderten Zu- sammensetzung und Form wieder verschlossen. Im Ergebnis sind in der Fusionszelle 6 Teile der Zellmembran 2A der Zelle IA (schraffiert gezeichnet) in die Zellmembran der Zelle 1 (ge¬ punktet gezeichnet) und umgekehrt eingebaut.
Mit dem in Figur 6 gezeigten Verfahren ist eine definierte paarweise Fusion biologischer Zellen möglich, wie sie bspw. bei der Ausstattung der ersten Zelle mit Antikörpern von der zweiten Zelle gewünscht ist.
Figur 7 illustriert ein weiteres Beispiel eines Fusionsvor¬ gangs mit der Verwendung von zwei Werkzeugen 10, 10A. Auf dem Substrat 20 ist eine Monolage der Zellen 1 eines ersten Zell¬ typs vorgesehen, auf der eine oder mehrere Zellen IA eines zweiten Zelltyps kultiviert werden. Diese Anordnung ent- spricht bspw. der Kultivierung von Stammzellen auf einer Fee¬ der-Zellschicht oder der Kombination verschiedener Zelltypen beim sog. Tissue Engineering.
Analog zu den oben beschriebenen Verfahren werden die Werk¬ zeuge 10, 10A in der Annäherungsphase langsam in das Zellma¬ terial gedrückt (Fig. 7A) und dann ggf. in der folgenden Translationsphase parallel zur Oberfläche des Substrats 20 bewegt (Fig. 7B) . Durch die gleichzeitige Bewegung der Werk¬ zeuge 10, 10A können neben der Fusion der Zellen 1, IA im Be¬ reich zwischen den Werkzeugen 10, 10A des Weiteren Teile des Zellmaterials von der Fusionszelle 6 separiert werden. Hierzu ist eine Bewegung der Werkzeuge 10, 10A senkrecht zur longi- tudinalen Ausdehnung der jeweiligen Arbeitsflächen und paral¬ lel zur Oberfläche des Substrats 20 vorgesehen.
Das in Figur 7 gezeigte Verfahren kann des Weiteren wie folgt modifiziert werden. Mit der optischen Sensoreinrichtung, ins- besondere dem Mikroskop kann die Ausrichtung der Werkzeuge
10, 10A relativ zu den Zellen 1, IA je nach den Anforderungen so eingestellt werden, dass in der Fusionszelle 6 beide Zell¬ kerne oder lediglich ein Zellkern von einem der Zelltypen enthalten ist. Des Weiteren können die Zellen mit den Werk- zeugen 10, 10A auf dem Substrat 20 zusammengeschoben werden, bevor die Fusion erfolgt. Schließlich können die Zellen und insbesondere die Fusionszelle β mit den Werkzeugen 10, 10A lateral auf dem Substrat 20 verschoben werden.
Figur 8 illustriert eine weitere komplexe Manipulation unter Verwendung von zwei Werkzeugen 10, 10A, die zunächst in eine Monolage der Zellen 1 auf dem Substrat 20 abgesenkt und an¬ schließend lateral parallel zur Oberfläche des Substrats 20 und senkrecht zur longitudinalen Ausrichtung der Arbeitsflä- chen 11 auseinander geschoben werden (Fig. 8A) . Bei diesem Vorgang wird eine Lücke in der Monoschicht (Zellrasen) ge¬ schaffen. Ein wichtiger Vorteil der Erfindung besteht darin, dass die Form dieser Lücke unabhängig von der Anordnung der Zellen ausschließlich durch die Positionierung und Absenkung
der Werkzeuge festgelegt werden kann. Am umlaufenden Rand der Lücke werden im Unterschied zu herkömmlichen Ausschnittver¬ fahren keine unerwünschten Wundränder, sondern geschlossene, ausgeheilte Membranformen gebildet. In die Lücke zwischen den Zellen 1 kann dann mit dem weiteren Werkzeug 70 (siehe auch Figur 3) eine oder mehrere Zellen oder ein künstliches Objekt eingesetzt werden. Das künstliche Objekt kann bspw. ein bio¬ logischer oder synthetischer Füllstoff, eine Sensoreinrich¬ tung, ein Mikrosystem oder ein Gewebeteil (z. B. Nervenzell- verbände oder Muskelzellverbände, Endothelien, Zusammenset¬ zungen aus diesen) umfassen.
Die fotografischen Abbildungen A bis E in Figur 9 zeigen den Fortschritt der erfindungsgemäßen Trennung einer Zelle 1 mit dem Werkzeug 10 in zwei Zellkörper 4, 5 am Beispiel eines konkreten experimentellen Ergebnisses. Die Darstellung zeigt Fibroblastenzellen auf einem Substrat 20. Als Werkzeug 10 wird eine ausgezogene Glasspitze verwendet, deren Durchmesser am spitzen Ende rd. 2 um beträgt. Gemäß Teilbild A wird das Werkzeug 10 zunächst neben der zu bearbeitenden Zelle 1 auf ■ dem Substrat aufgesetzt. Anschließend wird das Werkzeug 10 gemäß der o. g. Translationsbewegung parallel zur Oberfläche des Substrats verschoben (in den Abbildungen nach links) , wo¬ bei gemäß den Teilbildern C und D zunächst eine teilweise und im weiteren Bewegungsverlauf eine vollständige Trennung in die Zellkörper 4, 5 erfolgt. Teilbild E zeigt die weitere Be¬ weglichkeit der Zellkörper 4, 5 nach der Trennung.
Die in der vorstehenden Beschreibung, den Ansprüchen und den Zeichnungen offenbarten Merkmale der Erfindung können sowohl einzeln als auch in Kombination für die Verwirklichung der Erfindung in ihren verschiedenen Ausgestaltungen von Bedeu¬ tung sein.